Werbinich : Das ehrlichste Publikum der Welt

Seit 22 Jahren spielt das deutsch-englische Platypus-Theater ausschließlich für Berliner Schulkinder

Sven Goldmann

Was bedeutet noch mal „life boat“, was „stowaway“, und heißt „Dutch“ nicht Holländisch statt Deutsch? Im Flüsterton unterhalten sich drei Fünftklässler ganz vorn im Großen Saal der Ufa-Fabrik. Es muss schnell gehen, die Pause zwischen zwei Akten ist kurz, und keiner will etwas versäumen. Ben kämpft gegen Schmuggler, und 200 Schulkinder kämpfen mit.

Auf der Bühne wird Englisch gesprochen und ein bisschen Deutsch. Alle Schüler, gute und nicht ganz so gute, werden mitgenommen, und dafür ist nicht mal ein Kunstgriff nötig. Ben wohnt nämlich in Deutschland und wartet auf seine Cousine aus Australien. Mit den Schmugglern kämpft er nur in seiner Fantasie, in Wirklichkeit sitzt er in der Badewanne und will sich drücken vor dem Verwandtenbesuch, der im Wohnzimmer auf ihn wartet. Die Vorstellungskraft trägt ihn fort in eine andere Welt, und die Schüler im Saal reisen nur zu gern mit, sie träumen von Piraten, Schmugglern und fernen Ländern. Wenn sie dabei noch ein bisschen Englisch lernen – umso besser, sagt Peter Scollin. Befreit vom bewussten Zwang des Lernens, lernt es sich immer noch am besten.

Peter Scollin ist Australier und verheiratet mit der Berlinerin Anja. Beide betreiben mit wechselnden Schauspielern das deutsch-englische Platypus-Theater. „Ben and the smugglers“ ist die 21. Produktion des Theaters, das ausschließlich für Schulklassen spielt und treue Kundschaft hat. Eine Lehrerin aus Reinickendorf erzählt, sie sei schon zum fünften Mal dabei und freue sich schon auf das sechste Mal. „Viele würden am liebsten immer wieder dasselbe Stück sehen“, sagt Peter Scollin. Sein jüngster Erfolg, „Family Impossible“, ist gerade beim Cornelsen-Verlag erschienen. In Absprache mit den Lehrern entwerfen die Scollins auch Arbeitsbögen, mit denen sich die Schüler auf den Theaterbesuch vorbereiten.

Das Kerngeschäft aber ist die Arbeit auf der Bühne. „Viele Schüler bekommen die englische Sprache ja nur von ihrem Lehrer vermittelt. Die wissen nicht, wie das klingt, wenn ein Muttersprachler spricht“, sagt Anja Scollin. Dann kommen sie ins Theater, tauchen hinein in eine andere Welt und merken: Das macht ja Spaß! Wir verstehen ja, was die da vorne reden! Zur Premiere von „Ben and the Smugglers“ singen 200 Kinder textsicher alle Strophen von „What shall we do with the drunken Sailor“.

Und doch geht es den Scollins nicht nur um die Vermittlung der Sprache, sondern auch um ein kulturelles Erlebnis: das Phänomen Theater, das sich von der Welt der Videos aus dem Fernsehen unterscheidet. Das Besondere ist das Live-Erlebnis, das Bewusstsein, etwas zu erleben, was in diesem Augenblick passiert. Die Schüler sind ein ehrliches Publikum, wahrscheinlich das ehrlichste überhaupt. „Du bekommst hier keinen Pflichtapplaus“, sagt Anja. Vor ein paar Wochen war sie in der Deutschen Oper, „schrecklich, die Leute sind während der Vorstellung eingenickt, aber am Ende haben sie brav applaudiert.“ Wenn den Kindern ein Stück nicht gefällt, dann klatschen sie auch nicht.

Das Schönste, findet Peter, ist der Kontakt zu den Kindern. Vor ein paar Wochen hat ein kleiner Junge aus dem Publikum ein Krokodil gespielt. Später wollte er wissen: „War ich gut?“ „Natürlich“, hat Peter geantwortet, „ich wette, du warst in deinem früheren Leben ein Krokodil.“

Um die 100 Vorstellungen gibt das Platypus-Theater im Jahr, mehr als 250 Zuschauer sollen es nicht sein, sonst geht die Konzentration verloren. Das Spektrum reicht von der dritten bis zur zehnten Klasse. Mittlerweile verteilen die Scollins einen schriftlichen Kodex für das Verhalten im Theater. Bevor es losgeht, hält Peter noch eine kleine Rede, „don’t smoke and don’t drink any beer, please!“ Die Kleinen bringt er damit zum Lachen, bei den Großen meint er es ernst. Alles schon da gewesen, Pubertisten sind ein schwieriges Publikum.

„Ben and the Smugglers“ ist für Fünftklässler konzipiert und geht auf die Anregung von Schülern zurück. Peter erzählt: „Die Kinder haben uns gesagt: Macht doch mal was über Drogen, über Hip-Hop oder was Spannendes.“ In „Amok“, einer Tragödie mit viel Hip- Hop und ein bisschen Gewalt, stirbt ein Lehrer auf Bühne. „Das fanden viele Lehrer nicht so gut“, sagt Peter. Das neue Stück ist harmloser. Ben kämpft gegen böse Schmuggler, die Schildkröten illegal nach Europa und nach Deutschland einführen und dort teuer verkaufen wollen. Ben aber versteckt sich als blinder Passagier (stowaway) im Rettungsboot (life boat), und als die Schmuggler ihn entdecken, halten sie ihn für einen Holländer, weil sie „Deutsch“ als „Dutch“ interpretieren. Die Schüler johlen – sind die dumm, die Schmuggler!

Natürlich geht alles gut aus, werden die Schmuggler überführt und die Schildkröten befreit – und im wirklichen Leben ist die australische Cousine gar nicht so doof, wie Ben gedacht hat. Es gibt viel Applaus und später jede Menge Briefe für die Scollins. „Dear Peter, I like your play“, schreibt einer, „but I don’t like the Smugglers.“ Da sind sich alle einig: Die Schmuggler waren nicht gut, einen hat Anja gespielt, und sie wundert sich ein wenig: „Habe ich wirklich so schlecht gespielt?“ Peter lacht. „Du bist eine böse Schmugglerin, die arme Schildkröten quält. Warum sollten die Kinder dich mögen?“

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