Werbinich : Das geöffnete Klassenzimmer

Berlins Schulen werden jetzt von Testteams besucht. Mit Inspektoren unterwegs in der Montessori-Schule

Annette Kögel

Jona und Pascal aus der Klasse 2a lassen mal kurz die Geschichte „Ein Schnuller für den Osterhasen“ auf dem Schultisch links liegen. „Hallo, bitte die Kamera hierher, wir wollen ins Fernsehen!“ Doch das TV-Team filmt gerade Bildungssenator Klaus Böger (SPD), der auf den viel zu kleinen Kinderstühlen Platz genommen hat, um mit Marie und Tessa, beide sieben, über Ostern und die Ferien zu sprechen. In der Klasse von Montessori-Pädagogin Bärbel Hecklau ist jeder Stuhl besetzt – und es befinden sich noch einmal so viele Journalistenvertreter im Klassenraum: Gestern gab es in der staatlichen Tempelhofer Maria-Montessori-Grundschule die Auftaktveranstaltung zu den landesweiten Schulinspektionen.

Dass die Kinder trotz der Besucher still und konzentriert weiterarbeiteten an Eier-Addition und Zeichenarbeiten innerhalb des freien Gestaltens, werden die Schulinspektoren auf ihren Listen wohl positiv vermerkt haben. Ab sofort werden Schulen an je zwei Tagen nach Vorgesprächen von Inspektorenteams besucht (s. Kasten). „So sollen Schulen eigene Stärken, aber auch Entwicklungspotenziale erkennen“, sagt Bildungssenator Böger.

Doris Lerner ist seit knapp zwei Jahren Leiterin der Grundschule mit 530 Schülern aus 29 Nationen. Sie hat sich freiwillig gemeldet für den demonstrativen Auftakttest. „Ich erhoffe mir eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind – aber auch konkrete Impulse, wo wir noch gegensteuern müssen.“ Die Aktion zur Öffnung der Schulen findet selbst Zustimmung von GEW-Vertreter Peter Sinram: „Wir sind lange fälschlicherweise zu Einzelkämpfern ausgebildet worden.“ Und so arbeiten die externen Beobachter fleißig ihren Katalog ab. Manche der neun Schulen der Probephase hat so erfahren, dass es etwa mit der Raumausstattung doch nicht so schlecht steht wie beklagt, berichtet Team-Leiterin Hannelore Kern.

Karl Reismüller zückt auf dem Pausenhof den Stift. Der 51-jährige Oberschulleiter wurde wie seine anderen Teamkollegen auf die spezifischen Bedürfnisse der Schultypen hin geschult. Wie fair verhalten sich die Grundschüler beim Kicken der Softbälle? Werden die Spielgeräte im Hof für die „bewegte Pause“ genutzt? Gibt es genügend Aufsichten?

Hans-Peter Achatzi, im Inspektorenteam ehrenamtlicher Vertreter der Eltern, kennt sich mit Checks aus: „Ich bin Architekt und da auch für die Qualitätssicherung zuständig.“ Dem zweifachen Vater ist wichtig, zu prüfen, „wie der Unterricht die Kinder fördert, vor allem bei der Vermittlung von Toleranz und Teamfähigkeit“. Die Vierer- oder Fünferteams gehen als stille Beobachter durch die Schule und in den Unterricht. Gespräche mit Schülern, Lehrern, Eltern – auch über mögliche Vorbehalte den Inspektoren gegenüber – finden vor- und nachher statt.

Das Miteinander wird an der Auftakt-Schule, einer herkömmlichen Grundschule mit derzeit drei Montessori-Experten, auch im Computerunterricht gepflegt. Die Kinder können Mails schreiben, aber auch Geschichten über sich selbst: „Hallo, ich bin’s. Ich heiße Denise Rutten, und mein Hobby ist Akrobatik.“

Am Ende des ersten Inspektionstages ist viel notiert; viel verraten wird aber noch nicht, denn das Recht der ersten Information nach etwa vier Wochen hat die Schulkonferenz. Für das poröse Dach, durch das im Winter Wasser kam, „weshalb wir in der Aula Schlittschuh fahren konnten“, wie die Schulleiterin sagt, könnte eine Lösung übers Bezirksamt gefunden werden. Dass die Lehrerausstattung bei nur 95 Prozent liegt, während etwa eine motivierte, frisch examinierte Referendarin auf Anstellung hofft, auch das hat sich der Bildungssenator gemerkt.

In der Klasse 2a blieb noch etwas in Erinnerung. Kritiker fragen sich doch, ob die angekündigten Besuche wirklich ein realistisches Bild wiedergeben. Ein Indiz: Die „Lärmampel“ an der Wand der Klasse 2a, die Phonstärken misst, sprang trotz des Rummels nicht ein Mal auf Rot. So was kann man nicht einstudieren.

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