Werbinich : Das Knastmädchen

Kathi, 20, saß wegen Raubes und Körperverletzung, sie schmiss Drogen. Jetzt muss sie klarkommen mit dem neuen Leben in der Freiheit

Verena Friederike Hasel
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Wer kennt sie nicht, die Daltons. Aber wer kennt schon das wahre Leben im Knast?Foto: Cinetext Bildarchiv/ Lucky Luke - Daisy Town (Daisy Town, FR/BEL 1971, Regie: Rene Goscinny)

Zum Abschied gab sie für alle ein kleines Fest. Sie servierte Kaffee und Kirschkuchen und dankte ihnen für ihre Geduld. Um halb sechs wurde sie unruhig, nahm ihren Koffer und ging. Zu Hause duschte sie erst einmal eine Stunde lang, dann kamen Freunde; sie brachten ihr weiße Lilien, und zusammen tranken sie Jägermeister bis tief in die Nacht. Als sie am Morgen in ihrer Wohnung aufwachte unter ihrer eigenen Bettwäsche, bekam sie einen Schreck, so als sei sie an einem verbotenen Ort. Bis ihr einfiel, dass sie nicht zurück musste – zurück in den Knast.

Vier Monate ist es her, dass Kathi sich von den Beamten im Gefängnis verabschiedete. Nun sitzt sie in einem Café in Kreuzberg und raucht selbst gedrehte Zigaretten; alle anderen sind ihr zu parfümiert. „Ich bin jetzt so, wie ich immer sein wollte“, sagt Kathi. Ihr Name stimmt nicht, aber ihre Geschichte schon. Sie ist 20 Jahre alt, ihre Gliedmaßen sind zart, ihr Gesicht ist schmal, sie trägt raspelkurzes Haar und Baggy-Jeans.

Heute sitzen 529 männliche Jugendliche in den Berliner Gefängnissen und 40 junge Frauen. Kathi war eine von ihnen. Im Knast saß sie 16 Monate, jetzt macht sie eine Ausbildung in einem Handwerksbetrieb und bringt sich selbst Gitarrenspielen bei. Was sie mag: Sich ins Delirium tanzen, Augen zu und weggebeamt. Was sie nicht mag: Dass Tierquälerei unter Sachbeschädigung fällt. „Das ist doch total krass“, sagt sie, „dass es egal ist, ob du ein Tier bestialisch behandelst – oder eine Beule ins Auto trittst.“

Ins Gefängnis kam Kathi wegen Raub und Körperverletzung. Manchmal, sagt sie, habe es gereicht, wenn einer sie nur komisch angeguckt habe in der U-Bahn. Manchmal bekommt sie diese Wut noch heute. Doch darüber will sie nicht reden, sie redet sich über Umweltverschmutzung in Rage, sie spendet auch jeden Monat fünf Euro an den WWF.

„Scheiße, verdammte Kacke!“, dachte Kathi, als vor drei Jahren am S-Bahnhof Schönhauser Allee die Polizisten auf sie zustürmten. Mit ihrem älteren Bruder zusammen hatte sie ein Geschäft überfallen, nur hatte er sich, sagt sie, „etwas doof angestellt“, und sie wurden dabei gesehen. Zum Weglaufen hatte sie am S-Bahnhof nicht die Kraft, sie wog damals nur noch 37 Kilo. „Viele Drogen“, sagt sie, „und immer unterwegs“. Kathi ließ sie die Festnahme über sich ergehen, und außer dem Kacke-Gefühl, sagt sie, war da auch ein bisschen das Gefühl von Gott sei Dank: „Jetzt muss ich mal klarkommen.“

Mit 13 Jahren zog Kathi von ihrer Mutter in Neukölln zu ihrem Bruder, dann kam sie ins Heim, zu ihrer Schwester und schließlich in eine betreute Wohngemeinschaft. Wenn sie sich entscheiden müsse zwischen Bergen oder Meer, würde sie die Berge wählen, sagt Kathi. „Wenn man nichts als Wasser sieht, kriege ich Angst.“ In den Bergen sei das anders, da gäbe es Landschaft, Hügel, Bäume. „Ich brauche was, woran ich mich festhalten kann.“ Dann spricht Kathi von dem Haus, das sie einmal haben will, ihr eigenes, ihr selbst gebautes. „Ich will einen Ort haben, wo ich hingehöre.“ Von ihrer Familie hat sich Kathi ganz zurückgezogen.

Zunächst saß Kathi in einer geschlossenen Haftanstalt. „Am Anfang dachte ich: Hier bleibst du hängen, das ist ein Trip, von dem kommt du nicht mehr runter.“ Über eine Serie wie „Hinter Gittern“, die in einem Frauenknast spielen soll, könnte sie sich totärgern, sagt sie. „Da stimmt nur die Bettwäsche, sonst nichts.“ Die Wirklichkeit seien Beamten, die sie anschnauzten, dass sie die Schnauze halten solle. Besser wurde es erst, als Kathi in den offenen Vollzug kam. Dort hatte sie Ausgang und durfte über Nacht mal draußen bleiben, da gab es keine blauen Stahltüren mehr, sondern normale Holztüren – und vor allem eine Gefängnispsychologin, der Kathi vertraute. Bei ihr fing Kathi eine Therapie an. Manchmal vermisse sie die Gespräche mit ihr noch heute.

Einmal hat die Psychologin Kathi einen Brief geschrieben; das war, nachdem Kathi in einem Knasttheaterprojekt aufgetreten war. Es habe eine Zeit gegeben, schrieb die Psychologin, in der es Kathi nötig gehabt habe, dass andere an sie glaubten. Aber nun glaube Kathi selbst an sich, jetzt könne alles gut werden. Im ersten Theaterstück war Kathi darum gemüht, bloß keine Rolle zu übernehmen, nicht aufzufallen, im nächsten hatte sie die Hauptrolle. Während der Premiere gab es diesen einen schrecklichen Moment, in dem sie nicht mehr weiter wusste, Text vergessen, Blackout. „Ich meinte dann einfach Blablabla und habe woanders wieder eingesetzt.“ Und es gelang. „Ich war völlig begeistert, dass ich die Kurve bekommen hatte, obwohl ich kurz davor war abzukacken. Und als ich von der Bühne ging, dachte ich: Alter, ich habe euch so gerockt.“

Das Angst, kurz vorm Abkacken zu stehen, ist noch oft da; andere vermitteln es ihr, wie der Polizist neulich, der sie auf der Straße anhielt, ihren Personalausweis haben wollte und dann, nachdem er ihre Daten per Funkgerät kontrolliert hatte, zu ihr sagte: „Na, wir sehen uns bestimmt wieder.“ Sie selbst bekommt es, meist mitten in der Nacht, dann kann sie nicht schlafen bis zwei, drei Uhr, und morgens schafft sie es nicht rechtzeitig zur Arbeit.

Was Kathi mag am Leben außerhalb des Knasts, das ist, sonntags auf den Flohmarkt am Boxhagener Platz zu gehen, nachts im Frühling draußen herumzulaufen und niemanden um sich zu haben, der anordnet, sie müsse in einen Becher pinkeln.Was sie am Leben im Knast mochte war, dass sie sich dort, sagt sie, das erste Mal in ihrem Leben sicher gefühlt habe. Dort habe sich immer jemand um sie gekümmert, auch vor ihrer Familie beschützt: „Wenn ein Besuch von denen scheiße gelaufen ist, dann kam ein Beamter und hat gesagt: „Schluss jetzt“, und sie mussten gehen.“ Kathi will nun wieder in ein betreutes Wohnprojekt ziehen, weil sie ständig verpeilt, ihre Miete zu zahlen, weil ihr Kühlschrank immer leer ist, weil niemand ihr sagt, dass sie einkaufen müsse. Sie hat das nie gelernt.

Manchmal ist der Knast noch sehr nah, so nah, dass Kathi zusammenzuckt, wenn sie eine Polizeisirene hört. Die Sirenentöne von Polizei und Krankenwagen kann sie auf Anhieb unterscheiden, der Krankenwagen sei lauter, der Polizeiton irgendwie metallener. Auf den ist sie trainiert, seitdem sie einmal aus dem Knast abgehauen war und panische Angst hatte, gefasst zu werden.

In dieser Zeit lernte sie in einem Club ein Mädchen kennen, das ihr gefiel, allerdings sagte sie nicht gleich die Wahrheit: „Was hätte ich sagen sollen: Hi, ich bin auf der Flucht – und du?“ Lange ließ es sich nicht verschweigen, nach zwei Wochen wurde Kathi festgenommen. Die restlichen acht Monate ihrer Haftzeit kam das Mädchen Kathi besuchen, bald wollen sie nach Argentinien fahren.

Heute geht Kathi ab und zu freiwillig in den Knast, für die Proben zum nächsten Theaterstück, bei dem sie als Externe mitspielt. Und ein Lied kann sie auf ihrer Gitarre auch schon spielen, zumindest den Anfang. Es ist „Come as you are“ von Nirvana.

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