Werbinich : Das Leben der fantastischen zwei

Sven und Cassi, 19, wollten im Auto zum Konzert. Es regnete, immer doller. Und dann geschah das Unglück

Alexander Schäfer

„Unser tiefstes Mitgefühl und Beileid an alle Betroffenen und vor allem an die Angehörigen. Wir haben zwei Aktivisten, zwei Fans und vor allem zwei Söhne verloren. In tiefer Trauer: Die Fantastischen Vier.“

(Smudo, Musiker, in einer Mail vor zwei, drei Tagen)

Stau auf der A 9 Richtung Nürnberg. Sven und Caspar verlassen mit ihrem roten Ford Fiesta die verstopfte Autobahn und rollen auf der Landstraße weiter. Eine knappe Stunde bis Konzertbeginn, um 21 Uhr spielen die Fantastischen Vier auf dem Festival „Laut gegen Nazis“ in Wunsiedel, Nordbayern.

Seit vier Stunden sind die Jungs, beide 19 Jahre alt, nun schon unterwegs. Vor dem Konzert wollen sie noch schnell Flyer verteilen gegen rechte Gewalt. Die Zeit drängt, die Landstraßen nerven.

Es ist nun kurz nach 20 Uhr an diesem 29. Mai 2007, ein Dienstagabend, der Regen wird stärker, klatscht auf die Frontscheibe, die Wischer fliegen hin und her, die Sicht ist mies, wird immer schlechter. Dann passiert es. Das Auto rutscht plötzlich weg, runter von der Fahrbahn, sie reißen das Lenkrad rum, dann prallt der Wagen mit voller Wucht gegen den Baum.

Sven und Caspar sind tot.

„Ihnen fehlten nur noch sieben Kilometer.“ Das steht in einer Traueranzeige, die fünf Tage später bei uns in der Zeitung erscheint. „Du warst ein feiner Kerl.“

Eine Woche später. In einer Tempelhofer Seitenstraße drückt Svens Freundin auf die Klingel zum Haus der Eltern. „Ich war mit ihm erst seit zwei Monaten zusammen“, sagt Tara. Sie ist 17, Schülerin auf einem Gymnasium, und sie hatten sich im Oktober im Kreuzberger Ballhaus erstmals gesehen. Beim Billard.

Sven gefiel ihr. Er hatte braunes und schulterlanges Haar, das er sich oft unter einen Filzhut steckte. Er war charmant, schlagfertig, aber auch einer, der nachts bis 3 Uhr über den Sinn des Lebens chatten konnte. Das liebte sie.

Der Zweite im Auto war Caspar, „Cassi“, wie ihn die Freunde nannten. Er und Sven, die beiden kannten sich gut, seit sechs Jahren schon. Sie gingen von der Siebenten bis zur Zehnten in dieselbe Klasse. Sie tranken gern zusammen ein kaltes Bier mit ihren Freunden, sie lachten, fuhren Rad, spielten Volleyball und hörten gern Musik. Caspar hatte sich schon Karten für das Konzert der Beatsteaks und von Seeed gekauft, in einem Monat wollten sie hingehen, feiern, einfach Spaß haben. Und Sven hatte längst seinen Rucksack gepackt, um mit acht Freunden zum Festival „Rock am Ring“ zu fahren. Mit Grillen und Zelten und so.

Beiden liebten Rollenspiele, die haben Sven sogar schon als kleinen Jungen im Hort begeistert. Ja, und der Cassi, sagen Freunde, mochte Kryptologie und las gerne. Er war zurückhaltender, aber trotzdem genauso locker. „Passt schon“, hat er oft gesagt. Passt schon.

Es waren zwei junge Leben, und zwischen Tara und Sven war es eine junge Liebe. Sie trafen sich oft allein, Svens Eltern wussten ja nichts von der Beziehung, das hatte ihr Sohn nicht groß herumerzählt. Beide warteten auf einen passenden Moment, sich bei Svens Eltern vorzustellen. Sie planten für die nächsten Tage ein gemeinsames Essen. Es gab doch schließlich etwas zu feiern, oder? Dann kam der 29. Mai, und Tara erfuhr von Freunden, was passiert war.

Die Nachricht machte die Runde.

Cassi tot? Und der Sven auch?

Sven sollte morgen eigentlich mit seinem Bass auf der Bühne stehen. Im Frühjahr erst hatten sie die Band Chimney Sweep gegründet, die Kombo spielte einen Mix aus Pop und Grunge-Rock, so ein bisschen im Style von Nirvana und Sportfreunde Stiller. Im Café Belmundo am Winterfeldtplatz wollten sie auftreten, das erste Mal auf der Bühne stehen. Nun spielt ein anderer mit, und Sven wird eine Ballade gewidmet.

In der Schule haben sie sowieso getrauert, dafür waren die Jungs einfach zu korrekt, schwer in Ordnung. Sie gingen auf die Sophie-Scholl-Oberschule. Nun stehen im ersten Stock der Schöneberger Gesamtschule auf einem Tisch im Foyer frische Blumen, Kerzen und viele kleine Trauerbriefe. „Ihr bleibt in unseren Herzen“, steht da. Nadja, eine Schülerin, etwa vermisst das Synchron-Gähnen der beiden während langweiliger Unterrichtsstunden, das war ja irgendwie legendär.

Caspar hatte gerade erst seine mündliche Abiprüfung absolviert, die schriftliche zuvor war sehr gut, verrät der Schulleiter. Politische Wissenschaften und Englisch, das waren seine Leistungsfächer. Caspar war politisch interessiert; beteiligte sich sogar im Europäischen Jugendparlament, engagierte sich für das Projekt „Mut gegen rechte Gewalt“.

Nach dem Abi, also nach den Sommerferien, wollte Caspar Zivildienst machen; als er ausgemustert wurde, hat er sich dennoch weiter um den Job bemüht. Anfang September, so berichtet sein Vater, hätte er ein Jahr im europäischen Freiwilligendienst begonnen. Er hatte sich in Belgien als Jugendleiter in einer Gedenkstätte der Kriegsgräberfürsorge beworben – und schon eine Zusage erhalten.

Sven dagegen, na sagen wir, der war an anderen Dingen interessiert. „Sven hatte Lebensfreude, Herzlichkeit, Offenheit, Spontaneität, viele Hobbys und vor allem Humor“, sagt sein Vater, „die Schule war nicht mehr das Wichtigste für ihn.“ Sven hatte im Januar die Schule verlassen, ein knappes halbes Jahr vor dem Abitur. Er lebte ja die Musik, zog einige Wochen zu einem Bandkollegen, dann kehrte er zurück zu seinen Eltern. Die hatten das Reihenhaus in Tempelhof erst im Winter gekauft. Sven wollte im Juli bei der Bundeswehr anfangen, technische Erfahrungen sammeln. Dann: Fachhochschule, Studium, Engagement im Umweltschutz. So war der Plan, sein Ziel.

Die Fantastischen Vier, zu denen die beiden Jungs an jenem Dienstagabend unterwegs waren, haben von dem Unglück auf der nassen Fahrbahn erfahren. Deshalb hat Smudo auch schnell eine Mail nach Berlin geschickt. Einfach was sagen. Vielleicht wird der Brief heute verlesen, denn um 15.15 Uhr nehmen sie alle Abschied auf einer kleinen Feier im Krematorium Ruhleben. Die Eltern bitten um persönliche Erinnerungen an ihre Söhne; es wird während der Trauerfeier ein offenes Mikrofon geben.

Einen Dresscode gibt’s nicht. Das hätte Sven und Cassi auch gar nicht gepasst. Dafür waren die Jungs viel zu locker.

0 Kommentare

Neuester Kommentar