Werbinich : Das letzte Reservat

Sie lieben Kastanienmännlein und Bambi – warum viele in Prenzlauer Berg nicht erwachsen werden wollen

Marika Mettke,Elena Senft

Der „Ich-bin-jetzt-ein-Vierteljahrhundert-alt!“–Geburtstag ging so: Man mietete eine anständige Lokalität, engagierte einen DJ, der die aktuellen Hits spielte und betrank sich mit Longdrinks. Denn der 25. ist ein besonderer Geburtstag. Jetzt ist man richtig erwachsen. Man verdient sein eigenes Geld, steht kurz vor dem Studienabschluss oder hat sogar schon eine eigene Familie.

So war das mal. Heute sind die Mitte Zwanzigjährigen anders, und mit ihnen die Feiern. Ganz schlimm ist es in Prenzlauer Berg. Da kann der Hauptprogrammpunkt einer Geburtstagsfeier durchaus „Kastanienmännchen basteln“ lauten. Niemand ist irritiert, wenn die Gastgeber Tonnen von Kastanien, Eicheln, Kunsthaar, Glitzerstaub und aufklebbaren Augen herankarren, und man sich selbst mit konzentriertem Blick im Schneidersitz bastelnd auf dem Boden wiederfindet.

Die Gespräche, die man dabei führt, sind nach anfänglichem Genieren fachspezifisch: „Entschuldigung, aber Gelenke werden hier traditionell durch Eicheln dargestellt, nicht durch kleine Kastanien“, sagt ein neidischer Spielkamerad zu zwei erwachsenen Männern, die kichernd einen Kastanien-Fußballspieler bauen. Andere beraten sich über die optimale Statik der Männchen, über die richtige Haarlänge. Und plötzlich fühlt man sich wie damals, als die Finger immer klebrig von Uhu und Glitzer waren und man besonders formschöne Kastanien vorsichtshalber hinter dem Rücken versteckte, um sie für das nächste Männchen zu verwenden.

Heute kann man mit Mitte 20 wieder Kind sein. Die Hochburg der Infantilitätsbewegung befindet sich in Prenzlauer Berg, in der Gegend um die – wie passend – Kastanienallee. Hier trägt man Kleidung, für die man vor nicht allzu vielen Jahren auf dem Schulhof verprügelt worden wäre: im Frühling geblümte Gummistiefel, im Sommer Ballerinas, die zwanghaft mit geringelten Söckchen kombiniert werden, im Herbst und Winter Fellstiefel mit gestickten Ornamenten und lustigen Bommeln über dicken Wollstrumpfhosen.

Die Anhänger dieser Infantilitätsbewegung kommen ursprünglich aus München, Stuttgart oder Düsseldorf, sie sind ledig, studieren oder verdienen ihr eigenes Geld – vorzugsweise in selbstständigen Berufen. Sie wollen und müssen nicht erwachsen werden, wenn sie in Prenzlauer Berg wohnen, denn sie haben sich hier eine Nische eingerichtet, in der das niemand von ihnen verlangt. Hier ist es normal, freiwillig Plüsch-Ohrenschützer oder gestrickte Mützen zu tragen, und sich dann noch ordentlich die Hosenbeine in die Stiefel zu stecken. Früher hätten Mütter mit Gewalt dafür sorgen müssen, dass ihre Töchter gemusterte Fäustlinge tragen, die durch die Jackenärmel hindurch mit einer Schnur verbunden und so am Verlorengehen gehindert werden.

Das „Who killed Bambi“ in der Lychener Straße ist einer der Läden, die Menschen in Prenzlauer Berg ausstatten. An den Kleiderstangen hängen Mickey-Maus-Unterhemden und T-Shirts mit Bambi-Aufdruck, an Drehständern Hello- Kitty-Haargummis und Schlüsselanhänger. In den Regalen DVDs der alten Serie „Signor Rossi“, in Plastikhimbeeren gefülltes Brausepulver und untertassengroße Aufnäher, auf denen „I love my Wauzi“ steht. Dabei ist das hier kein Laden für Fünfjährige: „Mütter mit Kindern kommen eigentlich nicht hier rein“, sagt der Besitzer Christian Seefeldt.

Während früher nichts wichtiger war, als so schnell wie möglich ganz erwachsen zu wirken, wollen die Mittzwanziger im Jahr 2005 genau das um jeden Preis verhindern. Sie sind vor einiger Zeit nach Prenzlauer Berg gezogen und wollten ihre Heimat auf keinen Fall in das neue Zuhause tragen. Die elegante Schlichtheit der Outfits und Cafés in Städten wie München oder Düsseldorf fand man plötzlich spießig oder ganz einfach normal. Und in Prenzlauer Berg traf man Gleichgesinnte. Die Lebenseinstellung ist: jung, spontan, ungebunden, kreativ und ein bisschen Kind geblieben. Erkennungszeichen sind Accessoires wie aus dem Laden „Who killed Bambi“ – etwa eine Geldbörse in Erdbeerform mit aufgestickten Perlen oder eine rosa Hello-Kitty-Brosche.

Die Cafés, in denen man die Accessoires samt Lebensgefühl zur Schau tragen kann, findet man rund um die Kastanienallee problemlos. Das „Kauf Dich Glücklich“ in der Oderberger Straße ist die zum Möbel gewordene Reinkarnation der Kindheit. Das Café sieht aus wie das Wohnzimmer perfekter Großeltern. Auf jadegrünen bis orangefarbenen Polstersesseln sitzen junge Erwachsene mit asymmetrischer Ponyfrisur und Glitzerohrringen; neben ihnen stehen 50er Jahre Lampenschirme, an der Wand hängen Gemälde mit Alpenlandschaften oder gerahmte Blumendrucke. Was objektiv gesehen heute noch genauso hässlich ist wie damals, wird als heimelig und gemütlich empfunden. Hier ist das ehemals Coole spießig und das früher Spießige cool.

Das „Kauf Dich Glücklich“ ist im Prinzip eine Rumpelkammer. Die Leute fühlen sich hier so sehr zu Hause, dass sie die Schuhe ausziehen und die Beine hochlegen. Am Selbstbedienungstresen stehen erwachsene Männer und Frauen bis auf die Straße an, um eine „Waffel wie bei Omi“ oder den Eisbecher „Glückliche Kindheit“ zu bestellen: Der besteht aus einer Kugel Eis mit einem Gesicht aus blauen und roten Smarties und zwei Waffelröllchen, die wie Hasenohren in der Kugel stecken. Ein kräftig gebauter Mittzwanziger im Army-Parka wartet ordentlich in der Reihe und greift in die verschiedenen Glasbehälter auf der Theke, um sich mit nostalgisch verklärtem Blick die Relikte seiner Kindheit anzusehen: Kreisel, Leckmuscheln und Wasserpistolen in Delfin- oder Seepferdchen-Form. Alles zu erwerben vom selbst verdienten Geld für zwei bis drei Euro.

Die Besitzer des „Kauf Dich Glücklich“, die 32-jährige Andrea Dahmen und der 27-jährige Christoph Munier, gehören zu derselben Klientel, die sie bedienen. Auch sie sind zugezogen und haben einen Fimmel für ihre Kindheit entwickelt. „Die Leute in Prenzlauer Berg“, sagt Christoph Munier, „führen oft ein Nomaden-Leben.“ Sie sind vor ein paar Jahren hierhergezogen, hocken lange in der Uni oder in ihren kleinen Büros, verlieben sich nicht für die Ewigkeit und haben ihre Eltern nicht mehr in der Nähe. „Da gehen sie eben gern da hin, wo ein Sofa noch was wiegt!“, sagt Christoph Munier. Seiner Kollegin Andrea Dahmen waren die Neunzigerjahre zu glatt, die heutige Zeit zu ellenbogenmäßig. „Die Kinder der Siebziger sind so wohlbehütet aufgewachsen, davon wollen sie sich ein Stück zurückholen“, sagt sie. Deshalb ziehen sich kleine Taschen in Obst-, Herz- oder Marienkäferform als beständiges Element durch das Leben der Endzwanzigerinnen und geben das beruhigende Gefühl, dass die Welt schon irgendwie in Ordnung ist.

Die Sehnsucht nach kindlicher Geborgenheit wird auch ins Nachtleben getragen. Dresscode, Techno, Lasershows, das haben die Mitte Zwanzigjährigen hinter sich. Jetzt reicht ein kahler Raum, eine Flasche Becks, ein DJ – der die Tatort-Titelmelodie spielt – und eine Tischtennisplatte. Im „Mister Pong“ in der Eberswalder Straße rennen sie in Superman-Shirts respektive ausladenden Rüschenröcken und Kniestrümpfen im Rundlauf um die Tischtennisplatte und werden richtig sauer, wenn jemand die Regeln nicht einhält. Wer einen Ball verschießt, ist draußen. Jegliche selbstironische Anfangshaltung, man spiele aus Spaß mal mit, der alten Zeiten wegen und obwohl es nicht dem eigenen Alter entspricht, wird spätestens nach der dritten Runde über Bord geworfen. Und auf Geburtstagsfeiern wird nicht nur wieder gebastelt, sondern auch gespielt. In großen Maisonette-Wohnungen in Prenzlauer Berg hüpfen erwachsene Mediendesigner und BWL-Studenten in überdimensionalen Jutesäcken durch einen Slalom-Parcours, bevor sie sich zum Eierlauf anstellen.

Natürlich wird auch diese Phase irgendwann genauso vorbei sein wie die Zeit von Techno oder Lasershow. Wenn diese Leute plötzlich am Helmholtzplatz sitzen und ihren kleinen Kindern beim Buddeln im Sandkasten zuschauen. Sie haben ihre Frisuren wieder symmetrisch geschnitten und die Hello-Kitty-Broschen durch pastellfarbene Ansteckrosen ersetzt. Sie essen keine „Waffel wie bei Omi“, sondern das tropfende Rest-Eis ihrer Kinder, haben Abdrücke von klebrigen Keksfingern auf dem Fleece-Pullover und aus ihren Korbtaschen ragen Bahlsen-Butterkeks-Paletten und Porreestangen. Eine junge Frau auf dem Spielplatz steckt ihrer Tochter die Hosen ordentlich in die Stiefel und zieht ihr die Fäustlinge an. Ihr Kind hasst die Handschuhe.

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