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An der Bettina-von-Arnim-Gesamtschule gibt es eine deutsche Premiere: Chinesisch wird zweite Fremdsprache

Stephanie Puls

Gäbe es ein Rezept für späteren beruflichen Erfolg, Mehrsprachigkeit wäre eine der Hauptzutaten. Dabei sind die Sprachen, die deutsche Schüler lernen, nicht wirklich fremd: Englisch, Spanisch, Französisch – aus dem Lehrplan grüßt das alte Europa. Doch sobald von wirtschaftlicher, geopolitischer oder ökologischer Vormacht die Rede ist, wird das chinesische Jahrhundert heraufbeschworen.

Deutsche Schulen unterrichten munter an dieser Tatsache vorbei. Arbeitsgemeinschaft oder allenfalls dritte Fremdsprache – mehr wird dem Chinesischen bisher nicht zugestanden. Bis jetzt. Als erste Schule bundesweit bietet die Reinickendorfer Bettina-von-Arnim-Gesamtschule ab dem Sommer Chinesisch als zweite Fremdsprache. Zwischen dem 21. Februar und dem 2. März können sich Schüler für die siebte Klasse bewerben, die dann die Gelegenheit bekommt, nicht nur eine neue Sprache, sondern eine ganz neue Art von Kultur und Kommunikation kennenzulernen. „China soll ganzheitlich vermittelt werden“, sagt Schulleiterin Monika Beuerle. Konkret heißt das: Zusätzlich zu den vier Wochenstunden Sprachunterricht setzen auch andere Fächer ihre Schwerpunkte auf China: Tanz und Akrobatik im Sport, Grafik und Kalligrafie im Kunstunterricht. Das Schönschreiben soll die Bildwahrnehmung schulen und beim Entschlüsseln der komplexen chinesischen Schriftzeichen helfen. So sollen die Schüler eine bessere Lesefähigkeit entwickeln, betont Lutz Lienke, Leiter der Jugendkunstschule Atrium, die das Projekt unterstützt.

Von den etwa 3000 Zeichen, die ein Chinese beherrschen muss, um studieren zu können, lernen die Schüler bis zur 10. Klasse maximal 350, bis zum Abitur vielleicht 450, schätzt Xiaxue He, eine der Kandidatinnen für die neue Stelle als Chinesischlehrerin. Daraus können die Schüler dann zwar bis zu 10 000 Zeichen ableiten und sich im chinesischen Alltag zurechtfinden. Fit für Universität oder Beruf, wie das nach vergleichbarer Zeit in europäischen Fremdsprachen der Fall ist, sind sie damit aber noch lang nicht. „Laut Statistik braucht man etwa 700 Unterrichtsstunden, um Grundkenntnisse in Englisch oder Deutsch zu vermitteln. Bei Chinesisch sind es etwa 2200, das Dreifache also“, betont He. Die Schulleitung ist sich der Schwierigkeiten bewusst. Die Schüler, die sich trotzdem der Herausforderung stellen möchten, müssen deshalb hohe Motivation beweisen und aus der Grundschule gute Noten in Deutsch und Englisch mitbringen.

Den Rahmenplan für den Unterricht entwickelt das Team um TU-Professor Ulrich Steinmüller parallel mit der Pilotklasse. Das soll garantieren, dass die Anforderungen realistisch bleiben. Tausende verschiedene Schriftzeichen gelten als die größte Hürde. Die Schwerpunkte des Unterrichts müssten deshalb auf mündlicher Kommunikation liegen, betont Steinmüller. Das heißt: Die Schüler lernen zunächst nur die Umschrift. Notebooks und entsprechende Software übersetzen diese dann in Schriftzeichen.

„Es wird höchste Zeit, dass Chinesisch im Kanon der Unterrichtsfächer etabliert wird“, sagt Steinmüller. „Deutschland ist viel zu spät dran.“ Bundesweit bieten etwa 100 Schulen Chinesischunterricht. In Frankreich sind es doppelt so viele. Das Hauptproblem: Bis heute gibt es keine reguläre Lehramtsausbildung. An deutschen Schulen unterrichten deshalb meist Muttersprachler, denen häufig der pädagogische Hintergrund fehlt. „Solange sich unser Bildungssystem nicht in der Lage sieht, auch in eine entsprechende Lehrerausbildung zu investieren, müssen wir gegenüber solchen richtigen und gut gemeinten Angeboten bei aller ideellen Unterstützung skeptisch bleiben“, meint deshalb Andreas Guder, Vorsitzender des Fachverbands Chinesisch. Es ist Zeit, dass sich die Schulen auch den Forderungen ihrer eignen Lehrpläne anpassen: weg vom Eurozentrismus, mehr Raum für „richtige“ Fremdsprachen.

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