Werbinich : Der Kampf um die Kaffeemaschine

Unsere Redakteurin Sabine Beikler lernte den Unterschied zwischen autoritär und Autorität

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Diesen Floh hatten mir meine Eltern nicht ins Ohr gesetzt: Ich wollte unbedingt Latein als erste Fremdsprache lernen. Und als sie mich 1974 in meiner vierten Klasse fragten, auf welches Gymnasium ich wollte, stand für mich fest: Ich möchte aufs humanistische ReuchlinGymnasium, das schon mein Großvater und mein Vater besucht hatten. Ich wusste zwar, dass das Reuchlin im oberbayerischen Ingolstadt den Ruf eines konservativen, sehr anspruchsvollen Gymnasiums hatte. Aber das war mir egal. Und von der Idee des Humanismus hatte ich mit neun Jahren noch keine Ahnung.

Wir mussten spätestens um fünf vor acht in der Schule sein. Wer zu spät kam, wurde verwarnt. Auf den Fluren mussten wir alle Lehrer und natürlich unseren Direktor Otto Müller grüßen. Wurde die „Grußpflicht“ vergessen, gab es schon mal einen Verweis. Beim Morgengebet mussten wir aufstehen. Sanktionen gab es viele, aber wir waren fantasievoll und setzten auch scheinbar Unmögliches durch. So kämpfte ich als Schulsprecherin für eine Kaffeemaschine in der 12. Klasse. Die bekamen wir aber nur, weil ich dem Direktor einen „Stundenplan zur Beaufsichtigung der Kaffeemaschine“ mit Aufsicht führenden Mitschülern zwischen sieben und 19 Uhr vorgelegt hatte.

Das war grotesk, aber in uns wuchs das untrügliche Gefühl, zwischen echtem und falschem Respekt, zwischen echter und „künstlicher“ Autorität qua Amt unterscheiden zu können. Otto Müller war autoritär, weil er Direktor war. Oberstudienrat Köhler, Altphilologe, hingegen war eine Autorität. Er war streng und manchmal verletzend, aber er hatte ein immenses Wissen, das uns imponierte.

Elfte Klasse Latein „De re publica“ von Cicero bei Dr. Heinrich Vogelsang, von allen gefürchtet. Kopfnüsse für die Jungs, schmerzhafte Gummiband-Schnipser an die Köpfe der Mädchen. „Sagen Sie irgendwas, aber sagen Sie was“, schäumte er, wenn man sich das gefallen ließ. Zu einer Mitschülerin sagte er: „Sie mit Ihrem natürlichen Phlegma regen mich auf.“ Das waren sicher keine pädagogisch sinnvollen Methoden, aus uns tolerante und aufgeklärte Menschen zu machen. Aber wir haben neben einer guten Bildung gelernt, Position zu beziehen und uns nicht unterkriegen zu lassen. Und es hat meinen Blick geschärft, etwa für Politiker. Auch bei ihnen macht das Amt noch lange keine Autorität aus. Der Schein trügt oft.

Sabine Beikler ist 40 Jahre alt und arbeitet als landespolitische Korrespondentin.

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