Werbinich : Der Kampf ums Westfernsehen Olympiasieger Bartko war Seelenbinder-Schüler

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Im Sommer 1989 kam ich ins Internat der WernerSeelenbinder-Schule. Das ist ja heute direkt neben der Schule im Sportforum Hohenschönhausen, damals lag es ein Stück weiter weg in Wartenberg. Ich war 14 Jahre alt und ging in die achte Klasse. Ich muss sagen, es ging ziemlich militärisch zu damals. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Das wird ja inzwischen alles viel lockerer gesehen.

Wir wohnten zu dritt auf einem Zimmer, alles Radsportler. Die Lehrer achteten penibel darauf, dass es in unserem Schrank ordentlich aussah. Die Klamotten mussten sauber zusammengelegt und das Bett gemacht sein. Auch wurde kontrolliert, ob wir den Mülleimer täglich leeren. Wenn wir das mal vergaßen, dann haben die Erzieher den Eimer quer durchs Zimmer geschossen. Und wir mussten das anschließend alles wieder aufsammeln. Aber es war trotzdem eine schöne Zeit, und ich kann heute nicht sagen, dass es mir geschadet hat.

Besonders gerne erinnere ich mich an den Kleinkrieg zwischen uns und den Erziehern um das Fernsehzimmer. Schon zu DDR-Zeiten hatten wir einen für die damaligen Verhältnisse modernen Farbfernseher. Bis zehn Uhr abends durften wir gucken, danach war Nachtruhe, und das Licht musste aus sein.

Wie man sich vorstellen kann, waren wir damit gar nicht einverstanden. Besonders als wir dann irgendwann die Privatsender aus dem Westen empfangen konnten. Da wollten wir natürlich wissen, was da im Nachtprogramm läuft, Horrorfilme, Shows und solche Dinge.

Und einmal haben wir es tatsächlich geschafft, die Erzieher auszutricksen. Bevor wir um zehn den Fernseher ausmachten, um ins Bett zu gehen, hat sich einer von uns im Schrank versteckt. Nach einer Weile hat sich dann die ganze Gruppe – wir waren damals etwa 20 Jungs, alles Radsportler – auf dem Balkon getroffen. Über den konnte man zu allen Zimmern und auch zu den Gemeinschaftsräumen gelangen. Unser Klassenkamerad aus dem Schrank hat uns dann die Tür von innen geöffnet. Was wir geguckt haben, weiß ich gar nicht mehr. Dass wir es überhaupt geschafft hatten hineinzukommen, war wichtiger als das, was es dann wirklich zu sehen gab.

Wir haben jedenfalls noch bis spät in die Nacht vor dem Fernseher gesessen, ohne dass uns jemand erwischt hat. Unser Plan hatte so gut funktioniert, dass wir es am nächsten Abend gleich wieder versuchten. Dieses Mal aber ohne Erfolg. Irgendjemand muss sich wohl verplappert haben, jedenfalls waren die Erzieher gewarnt. Unser Mann im Schrank wurde entdeckt und der Plan war aufgeflogen. Von dem Tag an haben die Erzieher dann jeden Abend, bevor wir ins Bett gingen, noch einmal den Schrank im Fernsehzimmer inspiziert.

Das Internat ist mir ans Herz gewachsen. Noch bis vor fünf Jahren hatte ich ein Zimmer dort, dann aber ein Einzelzimmer.

Aufgezeichnet von Steffen Hudemann. Robert Bartko ist 29 Jahre alt und wurde 2000 in Sydney Olympiasieger im Bahnradfahren in der Einzel- und in der Mannschaftsverfolgung. 2004 in Athen erreichte er zweimal Platz vier. Außerdem wurde er dreimal Weltmeister. Bartko lebt mit seiner Familie in der Nähe von Potsdam.

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Robert Bartko (29), Olympiasieger und Weltmeister im Bahnradfahren, ist im Sommer 1989 auf das Seelenbinder-Internat gekommen. Der Drill habe ihm nicht geschadet, sagt er.

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