Werbinich : DER LETZTE SCHREI

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GEGEN DEN REGEN

Ein bunter Schirm an der Tasche

Ich verstehe nicht, wie man die Farbe Schwarz mögen kann. Mit „schwarz“ gibt es nur negative Wörter: schwarzfahren, schwarzsehen, schwarz malen. Wer will so was? Am allerwenigsten mag ich schwarze Anziehsachen und schwarze Beerdigungsschirme. Daran ist meine Tante schuld: Sie wohnt in Paris und zählt zu den perfektionistischsten Menschen, die ich kenne. Wenn sie auf Partys Schnittchen reicht, dann ist der Belag der Brötchen farblich auf die Bowle abgestimmt. Bevor sie ein neues Kleid kauft, fragt sie die Verkäuferin, wo man den passenden Nagellack dazu kriegt. Überflüssig zu betonen, dass man sich bei Familienfesten noch so viel Mühe mit dem Outfit geben kann, sie ist sowieso immer besser gekleidet. Die meisten Menschen in meiner Familie zucken nur noch mit den Schultern und seufzen: „Was will man gegen den Pariser Chic schon machen?“ Natürlich hat das Tantchen immer einen farblich abgestimmten knallbunten Schirm dabei. Weil man ja nie weiß, wie das Wetter wird.

Wir dagegen wissen gerade ganz genau, wie das Wetter wird: Es wird scheiße. Gut, ein böses Wort, welches in der Pariser Schicki-Szene sicherlich auf Missfallen stoßen würde. Meine Tante besitzt einen kleinen Pariser Modeladen. Früher hat sie mir zum Geburtstag immer irgendwelche Restposten aus diesem Laden geschickt. Das fand ich ziemlich öde, damals. Das Problem war nämlich, dass meine Tante immer vergaß, wie alt ich eigentlich wurde. Zu meinem zehnten Geburtstag schenkte sie mir ein Minikleid im Leopardenlook. Zum 14. Geburtstag bekam ich einen grellgrünen Plastikhut mit Blumenstickereien. Und zum 16. einen pinkfarbenen Regenschirm mit tanzenden Marienkäfern drauf. Ich habe den Schirm weggeworfen, dummerweise. Heute ärgere mich sehr darüber. In diesem Sommer hätte ich das Ding gut gebrauchen können. Ich meine, was kann man nicht alles unter so einem Schirm machen: Kuchen essen, knutschen, Konsalik lesen. Und das alles im Trockenen. Von meiner Pariser Tante habe ich seit langem nichts mehr gehört. Ich vermute allerdings, sie berät zur Zeit die Firma Knirps. Die haben nämlich bunte Schirme auf den Markt gebracht, die zu schön sind, um sie in der Tasche zu verstecken. Deshalb lassen sie sich mit Schlaufe und Klippverschluss an der Handtasche oder am Gürtel befestigen. Zusammengepackt ist so ein Schirm 15 Zentimeter groß, aufgeklappt hat der Schirm einen Durchmesser von fast einem Meter. Schade nur, dass keine tanzenden Marienkäfer drauf sind. sos

Die Knirps-Schirme gibt es in Kaufhäusern.

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