Werbinich : DER LETZTE SCHREI

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WO IST GOTT?

Im Noppenmeer

Es war in der Grundschule, als wir Gott malen sollten. Das war keine korrekte Hausaufgabe, denn erstens darf man Gott nicht malen und zweitens sollte man im ReliUnterricht keine Hausaufgaben aufkriegen. Damals beschäftigte mich vor allem eines: Wo kriege ich bis nächste Woche einen weißen Filzstift her? Denn wie soll man sonst den Rauschebart malen? Ein paar Jahre später hörte ich auf, mir Gott vorzustellen. Im Reli-Unterricht ging es da auch schon lange nicht mehr um Gott, sondern eher um die Probleme mit dem nächsten Schulbasar. Jetzt aber wird klar: Gott trägt nicht nur Rauschebart – Gott trägt auch einen weißen Plastikhelm. Er lebt in einer Welt voller Noppen. In dem Buch von Brendan Powell Smith „Das 1. Buch L.“ wird das Alte Testament mit Legomännchen nachgestellt. Seite um Seite entsteht eine Welt der bunten Plastikklötzchen, in der gelbe Männchen mit quadratischen Füßen und 80er-Jahre-Frisuren leben. Der Lego-Gott gibt sich mal gut und mal weniger nett. In Kapitel fünf beispielsweise will Gott die Menschen bestrafen. Er plant die Sintflut , Noah aber bekommt den Tipp mit der Arche. Die Szene, in der unzählige Lego-Männchen in dem blauen Noppenmeer ertrinken, wird durch das Zitat aus der Bibel belegt: „Alles, was einen lebendigen Odem hatte auf dem Trockenen, das starb.“ Die Idee, sich von den Lego-Männchen die Entstehung der Welt erklären zu lassen, ist sehr charmant. Nun kehrt Religion in die Lego-Welt ein und damit werden vielleicht auch die letzten offenen Fragen dieses kleinen Universums beantwortet: Kommen LegoMännchen in den Himmel? Sind sie alle Klone? Und möglicherweise kennt der Mann mit dem Plastikhelm sogar einen Ort, an dem man weiße Filzstifte kaufen kann. sos

„Das 1. Buch L.“ von Brendan Powell Smith (Sanssouci-Verlag, 12,90 Euro)

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