Werbinich : DER LETZTE SCHREI

Okka Rohd

TAUCHKURS MIT JULIE

Wie man es hinkriegt,

unter Wasser zu atmen

Als man klein war, schien es nichts Größeres zu geben. Man malte sich die Fingernägel pink, legte ein wenig Schwarzkirsch-Lipgloss und sehr viel Mascara auf und sehnte sich danach, endlich erwachsen zu sein. Endlich frei und unabhängig und keiner mehr da, der einem ständig sagt, was man tun und lassen soll. Irgendwann ist es dann so weit. Und plötzlich ist alles anders, aber rein gar nichts so, wie man es sich ausgemalt hat.

Wie fremd sich der eigene Körper anfühlt. Als würde ein Bekannter an der Tür klingeln und man weiß nicht so recht, ob man ihn hereinbitten soll oder nicht. Wie weh das tut, wenn alle einen schneiden, bloß weil man anders ist. Nicht so wie sie. Eine von denen, die man Außenseiter ruft. Die Eltern, die einen nicht mehr beschützen können, weil sie selber nicht wissen, ob sie glücklich sind. Und dann dieses taube Gefühl der Machtlosigkeit, wenn man merkt, dass alle anderen Mädchen umworben werden und man selbst nicht einmal beachtet. Wieso, weshalb, warum. Wieso ausgerechnet ich? Weshalb sind alle anderen dünner und hübscher und begehrenswerter? Und warum ist das Einzige, was an mir beeindruckend ist, meine unvorteilhafte BH-Größe?

In „Unter Wasser atmen“ beschreibt Julie Orringer Momente wie diese. Kleine, fast beiläufige Momente, in denen das Leben einen zwingt, erwachsen zu werden. Erste Liebe, erster Sex und die ersten Abschiede für immer. Das Ende der Kindheit und die Grausamkeiten des Frauwerdens. In ihren neun Geschichten erzählt die junge amerikanische Autorin, wovon viele junge Frauen erzählen. Nur ist Orringer dabei so präzise, warmherzig und mitfühlend, dass man sie gerne schon ein bisschen früher kennen gelernt hätte. Bevor man gemerkt hat, dass einen auf das Erwachsensein niemand vorbereiten kann. An einem dieser Tage, wo man sich nichts sehnlicher wünscht als jemanden, der einen so ehrlich versteht.

Manchmal, ganz selten, kann auch ein Buch wie eine beste Freundin sein. Julie Orringers Kurzgeschichten sind genau so ein Buch. Man macht Nächte mit ihm durch, weil es viel zu viel zu erzählen gibt und Schlafen plötzlich ganz unwichtig erscheint. Man weint gemeinsam und kichert an den albernen Stellen. Man staunt, wie viel man gemeinsam hat und ist erleichtert, dass man nicht alleine dasteht mit all seinen Fragen und Unsicherheiten. Und ganz am Ende, wenn man sie geteilt hat, diese seltsame Zeit des Frauwerdens, hat man es zusammen rausgekriegt. Den Trick, wie man aufsteht, wenn man strauchelt. Den Trick unter Wasser zu atmen.

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