Werbinich : DER LETZTE SCHREI

Katja Michel

MODEWELLEN

Chucks sind wieder da.

Endlich!

Mein erstes Paar habe ich mit zwölf bekommen. Sie waren weinrot. Hinter mir lagen wochenlange Diskussionen mit meinen Eltern und verzweifelte Überredungskünste. So viel Geld für ein Paar Stoffschuhe! Aber am Ende habe ich gesiegt: Ich habe die Chucks bekommen. Kein Imitat, keine billige Nachahmung, sondern die echten von Converse. Viel cooler konnte man in der sechsten Klasse nicht sein. Ich überlege, ob ich mir jetzt ein neues Paar kaufen soll. Die Alten habe ich schon lange nicht mehr. Ich versuche mir einzureden, dass das Chuckstragen bei mir heute gar nichts mehr mit Coolheit und Trendysein zu tun hat. Dass ich ein neues Paar haben möchte, weil sie mir eben wieder gefallen. Aber so ist das mit Moden. Irgendwie wäre man immer gerne selbst draufgekommen.Bin ich aber nicht. Die Chucks sind zurück. Auf den Straßen, in den Läden, in Zeitschriften und im Fernsehen. Meine Nachbarin hat welche, Adam Brody trägt sie als Seth Cohen in der US-Serie O.C. California, die Strokes treten darin auf. Jeder will sie wieder, diese irgendwie altmodisch und retromäßig designten Schuhe aus Stoff und Plastik. Auch wenn Chucks noch so im Trend liegen, irgendwie sehen sie immer nach Vergangenheit aus – mit ihrem schlichten Streifen an der Seite der Sohle, ihrer ganz und gar nicht perfekt dem Fuß angepassten Form und vor allem mit dem Stern an der Seite, der Original von Fälschung unterscheidet. Ihn haben aber nur die halbhohen Modelle.

Chucks sehen aus, als hätte sie schon der eigene Vater im Sportunterricht tragen können. Und das ist ja auch so. Als ich zwölf war und in den 90er-Jahren mein erstes Paar bekam, war das schon die dritte Modewelle der Chucks. Auf dem Markt sind sie seit 1917. Davor waren sie in den 70er-Jahren ganz angesagt, und auch in den 20er- und D. Da haben sie vor allem amerikanische Basketballspieler getragen. Daher kommt übrigens auch der Name. Der Basketballer Chuck Taylor fand die Schuhe super und hat für sie geworben. Heute tritt mit Chucks kein NBA-Spieler mehr an. Sport machen kann man in ihnen eigentlich auch gar nicht. Kein richtiges Fußbett, viel zu wenig Halt. Praktisch sind Chucks nicht. Es gibt wenig Wetterlagen, bei denen sie das passende Schuhwerk sind. Mittlere Temperaturen und trocken, das geht. Zu kalt darf es auf keinen Fall sein, dann frieren einem die Zehen ab. Zu heiß darf es noch viel weniger sein, man schwitzt furchtbar unter dem Plastik . Am schlimmsten ist Regen, denn bis Chucks wieder trocken sind, kann es schon mal einen ganzen Tag lang dauern. Wenn man sie anschließend auf die Heizung legt, wird der Stoff ganz hart und spröde.

Es gibt neuerdings auch Chucks mit merkwürdigen Mustern: Flammen, kariert, Blumen und so weiter. Aber das sind für mich nicht die echten. Chucks müssen schlicht einfarbig sein und am besten ein bisschen vergammelt. Dann sehen sie am schönsten aus. Nach früher eben.

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