Werbinich : DER LETZTE SCHREI

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EIN DISPLAY AN DER LENDE

Schau mir auf den Gürtel,

Kleines!

Es soll ja vorkommen, dass an der Bar ein wirklich hübsches Mädchen steht und einem partout kein kluger Spruch einfallen will. Wie schön romantisch war doch Johann Wolfgang von Goethe in seinen Liebesgedichten: „Ich ging, du standst und sahst zur Erden / Und sahst mir nach mit nassem Blick: / Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! / Und lieben, Götter, welch ein Glück!“ Hach, wie nett.

Nun ist bekanntlich die Musik in trendigen Bars oder schönen Clubs leider viel zu oft viel zu laut, um solch wunderbar poetische Worte vorzutragen. Auf einen Bierdeckel das Gedicht zu schreiben, kommt nicht so gut rüber, weil die erstens immer nass sind und zweitens kaum noch jemand eine leserliche Handschrift hat, weil alle nur ständig auf der Tastatur schreiben.

Nützlich und Aufmerksamkeit erregend kann der „ LED Namebelt “-Gürtel sein, denn der hat an der Schnalle ein großes Display. Auf dem kann man beliebige Sätze speichern, die dann Wort für Wort gezeigt werden (das sieht so ähnlich aus wie in den S-Bahn-Zügen , wo am Wagenende immer die Worte „Nächste Bahnhöfe: Tiergarten, Zoologischer Garten, Savigny…“ im Display entlangwandern). Bis zu 512 Zeichen können auf dem Bildschirm gespeichert werden. Und siehe da: das Liebesgedicht von Goethe hat exakt 162 Zeichen, es wäre sogar noch Speicherplatz frei für die Telefonnummer.

Der Clou aber ist: wenn das Mädchen an der Bar angesichts solcher Kreativität absolut unerwartet kein Interesse an einem Flirt zeigt, drückt man auf seinen Knopf am Gürtel und – zack! – erscheint das nächste Gedicht. Zum Beispiel eines von Friedrich Schiller: „Sahest du nie die Schönheit im Augenblick des Leidens, niemals hast du die Schönheit gesehn. Sahst du die Freude nie in einem schönen Gesichte, niemals hast du die Freude gesehn!“ 178 Zeichen, passt! Insgesamt sechs Texte lassen sich auf dem Display in der Gürtelschnalle speichern. Das sind sechs Flirtversuche! Und den Blink-Modus kann man auch einschalten!

Wie langweilig sehen da normale hellbraune Ledergürtel aus, die man sich um die Hüfte schnürt (manche stimmen den Gürtel sogar farblich ab mit ihren Schuhen, aber diese Leute legen morgens bestimmt auch fein säuberlich ihre Bettwäsche zusammen). Eigentlich müsste klar sein, woher dieser laut Werbung „ definitiv coolste Gürtel ever “ herkommt: genau, aus den USA. Angeblich ist der für Graffiti-Sprüher gedacht. Doch die wollen gar nicht so sehr auffallen, wenn sie sich in der Nacht auf Bahnanlagen verstecken. Angeschaltet wird das Ding nur in der Disco. Oder heute, zu Karnevalsbeginn. AG

Den Gürtel mit dem blinkenden Display gibt es in manchen Hip-Hop-Läden oder im Internet auf der Seite www.stylefile.de – einem Graffiti- Shop. Der Gürtel kostet 69,90 Euro.

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