Werbinich : DER LETZTE SCHREI

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AUGEN ZU UND STAR SEIN

Kreuzberger Karaoke-Nacht

Monster Ronson’s ist was für die Rocker unter den Karaoke-Sängern: trashig, finster und ein bisschen modrig. Vorher viel Zeit auf ein aufwendiges Abend-Make-up zu verwenden, macht definitiv keinen Sinn. Sieht hier sowieso keiner, und es würde beim wilden Singen und Tanzen auch nur verwischen – und wild wird’s meistens. Wahrscheinlich, weil sich die Blamage in Grenzen hält.

Das ist überhaupt das Beste an Monster Ronson’s: Man singt nicht vor einem rappelvollen Laden, sondern in Boxen, die man stundenweise mieten kann. Und da nimmt man dann einfach nur seine Freunde mit rein. Bis zu acht Leute haben in so einem Glaskasten noch ziemlich bequem Platz. Wenn es mehr sind, kann man einfach die Tür offen lassen. Aber dann hören draußen natürlich doch wieder alle mit, was den meisten, auch noch so unbegabten Sängern hier irgendwann aber auch ziemlich egal ist.

Ich hätte nie gedacht, dass es so viele Menschen gibt, die genauso schlecht singen wie ich. Es war befreiend, das festzustellen. Sogar unter der Dusche habe ich mich früher geschämt. Das ist jetzt vorbei. Und bei Monster Ronson’s schäme ich mich schon gar nicht. All die anderen, die so gut wie keinen Ton treffen und null Rhythmusgefühl besitzen, offensichtlich auch nicht. Egal, wie es sich anhört: Nicht zu singen, ist hier einfach unmöglich. Das Gefühl, das Mikro in der Hand zu haben und eine Show wie John Travolta abzuziehen, ist einfach zu gut. Meine Freundin Anna hatte in der Bar, in der wir vorher zum Warmlaufen waren, über Stunden behauptet: „Keinen Ton werde ich singen, keinen einzigen!“ Beim zweiten Lied hat sie am lautesten gegrölt.

Monster Ronson’s ist super, um etwas zu feiern: bestandene Prüfungen, Geburtstage, Junggesellenabschiede. Reservieren kann man die Boxen leider nicht. Gerade am Wochenende muss man oft lange warten, was lustig sein kann, denn am besten man setzt sich einfach auf ein Sofa vor den Karaoke-Maschinen , an denen gerade andere ihre Lieder schmettern. Ab und zu hört man sogar jemanden, der es wirklich kann.

Dass das Ambiente rockig ist, heißt zum Glück nicht, dass der Karaoke-Apparat nur Songs von Guns N’Roses, Metallica oder AC/DC ausspuckt. Das Repertoire ist ganz im Gegenteil unerschöpflich, von Oldies über Pop-Hymnen und Indie-Hits aus den 80ern und 90ern bis zu neueren Hip-Hop-Songs gibt es alles. Bei der Liedauswahl ist allerdings Vorsicht angesagt. Denn man täuscht sich da leicht. So ähnlich kennt man das vom Tanzen: Die Anfangstakte erklingen, man denkt „das kenn ich ja!“ und stürmt auf die Tanzfläche. Zwanzig Sekunden später verflucht man sich dafür, weil man auf eine quälend langsame, zehnminütige Ballade mit jeder Menge Gitarrensoli reingefallen ist. So ungefähr hat sich wohl auch meine Schwester gefühlt, als sie einen ziemlich harten Eminem-Hit tapfer bis zum Ende mitstotterte. Mein persönlicher Karaoke-Favorit ist „Friday I’m in love“ von The Cure . Die Melodie ist wunderschön und den Text kann ich sowieso auswendig. Ich muss gar nicht mehr auf dem Bildschirm mitlesen. Augen zu und ein Star sein, nur für ein paar Minuten. kami

Monster Ronson’s ist in der Lübbener Straße 19 in Kreuzberg, gesungen wird dort täglich ab 18 Uhr (Foto: dpa) .

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