Werbinich : DER LETZTE SCHREI

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BERLINALE DAHEIM

Schwester weint, Bruder nervt –

Vorhang auf im Wohnzimmer!

In den Arcaden am Potsdamer Platz hängen schon die knallroten Logos der Berlinale, darunter steht in fetten Buchstaben: „Ticket-Counter“ (wobei die Eintrittskarten, wie die Dinger einst altmodisch auf Deutsch hießen, erst ab Dienstag zu haben sind). Das Filmfestival rückt näher, die Boulevardzeitungen drucken riesige Fotos von Brad Pitt (!) und Angelina Jolie (!!), wie sie gemeinsam (!!!) durch Prenzlauer Berg (!!!!) schlendern. Bei diesem schönen Spektakel spielen wir natürlich mit, allerdings nicht in der neuen Mitte, sondern zu Hause. Eine Gebrauchsanleitung für einen Berlinale-Abend in der WG.

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Der Mitbewohner bringt endlich die Mülltüten weg, die seit vier Tagen im Hausflur stehen (er hat schließlich Putzdienst) und schafft somit Platz für einen Roten Teppich . Den gibt es für ein paar Euro bei Ikea, und er hat den Vorteil, dass nicht nur frische Farbe in den grauen Flur kommt, sondern er überdeckt auch die Krümel und Staubreste, die der Mitbewohner (siehe Putzdienst) irgendwie übersehen hat.

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Die besten Freunde werden eingeladen und vor dem Fernseher platziert (in zwei Reihen natürlich, eng hintereinander). Viel wichtiger aber ist: die Familie! Die kleine Schwester macht das, was sie am besten kann: nerven. Sie spielt den leidenschaftlichen Groupie . Der kleine Bruder bekommt eine Einwegkamera aus dem Kaufhaus für läppische fünf Euro in die Hand gedrückt und muss immer wieder auf den Auslöser drücken. Blitzlichtgewitter an der Eingangstür, Paparazzi total, und wenn man ihn grob wegschubst, soll er ja nicht weinen: „So machen das die Stars auch immer.“

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Vater klemmt sich ein Kopfkissen unter den Pullover, bindet sich einen roten Schal um, setzt einen schwarzen Zylinder auf und sieht damit aus wie – genau – Dieter Kosslick, der Berlinale-Chef. Bleibt Mutter: Da sie sich immer Sorgen macht, ob das Kind auch wirklich genug Essbares im Kühlschrank hat, besorgt sie Käsecracker in rauen Mengen, kocht Lauchsuppe, schmiert Schrippen und legt auf jede Hälfte ein Gürkchen. Vorteil: Man hat was im Magen für die Aftershowparty , außerdem kostet auch das nichts, und besser als jede WG-Mahlzeit schmeckt’s auch. Ach ja, der Freund: Sieht er toll aus, kommt er mit in die erste Reihe. Ansonsten darf er Fahrdienst spielen. Was ein guter Anlass ist, seinen pinkfarbenen Ford Fiesta mal wieder zu putzen und die Bierflaschen seiner Kumpels von der Rückbank zu entfernen.

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Die Familie ist eingebunden, alle haben Platz, bleibt der Film: „Seven“ mit Brad Pitt kann den Abend versauen, bei Klassikern wie „Titanic“ oder „Dirty Dancing“ weinen Mädchen, Bud-Spencer-Filme finden nur Jungs lustig. Eine gute Alternative sind immer die alten Urlaubsvideos von Fehmarn oder Kitzbühel, auf denen man selber oft im Mittelpunkt steht. Mutter und Vater haben den Raum bitte vorher zu verlassen. Könnte sonst peinlich werden. AG

Gute Filme und Popcorn gibt es in jeder Videothek. Und alle Informationen zur Berlinale findet man ab 9. Februar jeden Tag bei uns auf vier Extraseiten. Das Foto stammt von fotofex.

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