Werbinich : DER LETZTE SCHREI

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DIE DRACHENSAGA „ERAGON“

Von Ungeheuern und Schwertern – und garantiert nicht nur für Kinder

Zugegeben, mir war es schon etwas peinlich, dieses dicke Buch mit dem doofen Drachen auf dem Cover in der S-Bahn auszupacken. Abfällige Blicke habe ich schon beim Einsteigen geahnt. So jung ist der doch auch nicht mehr, um so einen Kinderschund lesen zu müssen, werden sie gedacht haben. „Eragon - Das Vermächtnis der Drachenreiter“, das hört sich schon nach Kinderbibliothek an. Aber das war mir egal. Ich blieb extra stehen, packte den ollen Schicken aus und wehrte die missmutigen Blicke ab. Ich meine sogar, mich leicht fauchen gehört zu haben. Denn schon nach den ersten zwei Seiten hatte mich das Buch. Pah, von wegen Kinderroman. Blut , Schlachten, fiese Monster und eine Drachenlady – genau das richtige für einen Start in einen sonnigen Tag.

Dabei sind Fantasy-Geschichten eigentlich nicht mein Ding. Auf jeder Party diese blöden Diskussionen, ob man nun Harry Potter gut finden darf oder nicht. Ob Herr der Ringe Fantasy für Erwachsene ist. Ich war meistens ständig dagegen. Gegen Harry Potter und gegen den Herr der Ringe . Buch und Film haben mich kalt gelassen. Und jetzt Eragon? Darüber hat niemand diskutiert. Immer nur über Joanne K. Rowling und ihren Aufstieg zur Bestseller-Autorin. Dabei ist die Geschichte von Christopher Paolini genauso interessant. Und wahrscheinlich ist es auch genau das, was mich auf die Spur von Eragon und seiner Drachenlady Saphira gebracht hat. Paolini hat das Buch mit sagenhaften 15 Jahren geschrieben. Verdammt. Ein 725 Seiten langes Buch in einem Alter, wo man sich noch nicht einmal Bier im Supermarkt kaufen darf. Heute ist er 22 Jahre und wahrscheinlich schon einige Gehaltsklassen aufgestiegen. Der Amerikaner hat nie eine öffentliche Schule besucht, sondern wurde von seiner Mutter unterrichtet. In den USA reist von Talkshow zu Talkshow. Seine Bücher wurden verfilmt und als Computerspiel vermarktet. Es läuft nicht schlecht für den jungen Kerl. Die ersten Neider sind schon da. Seine Geschichten seien nur ein schlechter Abklatsch von „Herr der Ringe“ und „Star Wars“. Nichts originelles, eigenes. Sogar die Figuren haben ähnliche Namen. Eragon klinge wie Aragon, Isenstar wie Isengart und es gibt einen Beorn genau wie im Buch „Der kleine Hobbit“. Und die Star-Wars-Anleihen würden sich so lesen: Brom, der letzte seines Ordens sei Obi-Wan-Kenobi nachempfunden. Und Morzans-Geschichte erinnert an Darth Vader, weil er Eragons Vater ist und sich auf die böse Seite hat ziehen lassen. Na und? Was kann Paolini dafür. Schließlich tauchen nunmal Monster, Ungeheuer, fremde Welten, mysteriöse Mächte und sagenhafte Feen in jeder Fantasy-Geschichte auf. Paolini selbst wehrt sich auch nur mäßig gegen die Vorwürfe. „Die Bücher sind das Ergebnis meiner eigenen Leseerfahrung – kein Wunder also, wenn es Ähnlichkeiten gibt“, sagt Paolini. Er wollte nichts neu erfinden, aber auch nicht blind kopieren. „Und ich denke, das ist mir auch gelungen: Eragon und seine Drachendame Saphira sind einzigartig, auch weil sie meiner Fantasie entsprungen sind und nicht aus einem anderen Buch.“

Kostprobe: „Er zog sich hinauf in die kleine Kuhle unter ihrem Nacken und schlang die Arme um ihren Hals, als sie sich erneut aufbäumte. Das reicht, Saphira!, rief er. Augenblicklich versiegte der Strom ihrer aufgewühlten Gedanken. Er strich ihr über die Schuppen. Alles wird gut.“

Einen Vorschuss von 100 000 Dollar hat Paolini schon für sein dritten Band bekommen, der 2008 erscheinen soll. Dann wird man endlich erfahren, wie die Schlacht um Alagaesia ausgeht. Am Anfang der Geschichte stand ein grüner Stein, den der junge Eragon auf der Jagd gefunden hat. Eigentlich wollte er ihn gegen ein paar Lebensmittel tauschen, schließlich muss sich der Junge allein durchs Leben schlagen, weil seine Eltern früh gestorben sind. Doch daraus wird nichts. Der Stein verwandelt sich in die Drachendame Saphira. Mit ihr und seinem blutroten Schwert zieht er in den Kampf gegen König Galbatorix. Das ist doch viel besser als S-Bahn-Realität.ctr

„Eragon“ gibt’s als Taschenbuch für 9 Euro 95 in jeder Buchhandlung. Traditionalisten lesen natürlich erst alle drei Bände des „Herr der Ringe“, 1100 Seiten kosten circa 30 Euro. Alternative für Film-Junkies: Sechs DVDs zu den Kinofilmen, für circa 29 Euro, etwa bei Amazon

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