Werbinich : DER LETZTE SCHREI

ACCESSOIRES FÜR SYMPATHISANTEN

Wie wirksam Plakate sind und warum Demo-Mukke heute gut klingt

Ein Beispiel, was möglich ist, wenn man Botschaften auf weiße Zettel schreibt: Kreuzberg 36, ein Hinterhof. Jeden schönen Morgen in diesem Jahr, jeden schönen Mittag, jeden schönen Abend dringt ein Song durch die Luft „Do you really love“ ist der Refrain, Dooo-youuu-reaaaally-loave, schön gestreckt gesungen werden diese Zeilen.

Irgendwann können zwei Mädchen das nicht mehr hören, und sie schreiben einen Zettel: „Wer auch immer „Do you really love“ rauf und runterhört, bitte, erlöse uns! Mach’ das Fenster zu, zieh’ Kopfhörer an!“ Sie hängen es an die Haustür. Abends stand drunter: „Genau!“, am nächsten Morgen: „Finden wir auch, das gesamte Quergebäude!“ Und nachmittags: „Sorry, kommt nicht wieder vor“.

Irgendjemand hat dann noch ein „Danke“ druntergekritzelt. Seitdem muss niemand mehr das Lied in Dauerschleife hören. Also bitte: Protest wirkt. Selbst im ganz kleinen, im Hinterhof-Milieu. Schlechte Musik ist allerdings auch ein Thema für Protestkulturen. Gut, Mütter und Väter erinnern sich gern an solche Zeilen wie:

„Wehrt euch, leistet Widerstand

Gegen die Atomkraft hier im Land!

Schließt euch fest zusammen!

Schließt euch fest zusammen!“

Das sind die wichtigsten Schlachtruf-Zeilen der Atomkraftbewegung aus den Siebzigern. Ein anderer Klassiker: Die Band „Ton Steine Scherben“, bei denen kann man ja schon verstehen, dass sie die Götter der Generation waren. Zeilenprobe, Lied „Land in Sicht“:

„Und die Tränen von gestern

Wird die Sonne trocknen

Die Spuren der Verzweiflung

Wird der Wind verweh'n

Die durstigen Lippen

Wird der Regen trösten

Und die längst verloren Geglaubten

Werden von den Toten aufersteh’n“

Das hat übrigens mal

Judith Holofernes

von den Helden im WDR gesungen, a capella bei der Sendung Zimmerfrei. Die Helden sind eine von den Bands, die den Protest heute begleiten. Es gibt nämlich ’ne CD namens „Move against G8“, auf der ziemlich feine Bands versammelt sind: Kettcar, Blumfeld, Madsen, Afrob, Gentleman, Wir sind Helden. Die Songs sind alle nicht neu, aber zum Teil in ungewöhnlichen Versionen zu hören: Madsen hat eine Live-Version von „Du Schreibst Geschichte“, einen Radiomitschnitt, beigesteuert, Tocotronic einen Remix von „Aber hier leben nein“. Nicht schlecht. Vielleicht stimmt es ja, dass unsere Generation pragmatisch ist. Es gibt nicht DIE Protestband, DEN Widerstand. Aber einen Haufen guter Sachen und guter Leute und guter Musiker, die mal mitmachen. Abwarten, vielleicht ist es der bessere Weg, wenn viele mal was machen, als wenn wenige viel tun. jea

Die CD gibt’s für 12 Euro im Laden. Wer zur Demo will, schaut auf www.heiligendamm2007.de oder www.attac.de. Von Berlin aus kosten die Busfahrten zwischen 10 Euro und 15 Euro. Viele Busse sind aber voll, ein Tipp: Das Anti-G8-Bündnis Potsdam hat für Sonnabend noch 30 Plätze frei (www.anti-g8-buendnis-potsdam.de, Karten: 20 Euro). Die Grüne Jugend Pankow fährt erst Dienstag und hat auch noch 30 Plätze frei. Anmeldung bei Etienne (0173- 43 783 61). Und am Sonnabend fährt um 9.03 Uhr am Hauptbahnhof ein Sonderzug nach Rostock.

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