Werbinich : Der steinige Weg zur guten Schule

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Da in den Schulen im Moment nichts passiert, berichten wir in den Ferienwochen, wie sich Eltern und ihre Kinder auf die Einschulung vorbereiten.

Heute: Engincan, 5 Jahre

Wir haben Engincan in der zuständigen Grundschule in Schöneberg angemeldet. Wir hätten lieber, dass er auf eine andere Schule geht, auf eine, in der die Kinder nicht so brutal und aggressiv miteinander umgehen und eine bessere soziale Mischung der Schüler besteht. Wir kennen die Zustände an der Schule, Engincans älterer Bruder leidet unter den Bedingungen dort schon seit einem Jahr. Er wurde oft verprügelt, was er uns zunächst nicht anvertraute, weil er Angst hatte, dass ihn die älteren Schüler bestrafen würden. Irgendwann kamen wir dahinter. Die Lehrer sind überfordert, die Schule ist keine, in die man seine Kinder schicken sollte, wenn einem ihre Zukunft wichtig ist.

Aber es ist nicht so einfach, in Berlin die Schule zu wechseln. Man muss die nehmen, in deren Einzugsbereich man wohnt. Ein Jahr lang haben wir telefoniert, gesprochen, diskutiert, wir haben Schulleiter getroffen und Lehrer und Schulräte konsultiert. Geholfen hat es nichts. Der Schulrat gab uns den Rat, die Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Aber dafür haben wir kein Geld. Dann haben wir es bei einer anderen Schöneberger Grundschule versucht. Ja, sagte die Sekretärin, wir hätten einen Platz in der Klasse 1c. Das sei die, in der die Migrantenkinder zusammengefasst werden. In die 1a und in die 1b kämen deutsche und ausländische Kinder, in die 1c nur Migrantenkinder.

Aber wie soll sich unser Kind in einer Klasse nur mit Migrantenkindern zurechtfinden, fragten wir. Wir reden zu Hause Deutsch, das ist die Sprache, in der er sich am besten ausdrücken kann. Dass es überhaupt eine solche Trennung gibt, hat uns so schockiert, dass wir den Schulleiter sprechen wollten, doch der hatte keine Zeit.

Danach haben wir versucht, uns eine Deckadresse in einem anderen Bezirk zu besorgen. Wir haben aber niemanden gefunden, der das mitmachen wollte. An der Scharmützelsee-Schule im Bayerischen Viertel stehen wir nun auf der Warteliste. Hier hat man sich immerhin bemüht, uns zu helfen. Aber letztlich hatten wir doch nichts erreicht. Wir waren frustriert und fühlten uns so schrecklich machtlos.

Als letzter Weg blieb uns nur umzuziehen. Heute unterschreiben wir einen Mietvertrag für eine Wohnung in Lichterfelde-Ost. In Schöneberg wohnten wir für eine kleine Miete in einer riesigen Wohnung, weil wir einen alten Mietvertrag hatten. Die neue Wohnung ist natürlich viel teurer. Um den Umzug und die Kaution bezahlen zu können, haben wir uns verschuldet – alles, damit unsere Kinder eine gute Bildung bekommen und in diesem Land eine Chance haben. Aber ganz ehrlich: Ist das ein Sozialstaat?

Aufgezeichnet von Claudia Keller

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