Werbinich : Der Stoff, aus dem Gemeinschaft ist

An der Potsdamer Max-Dortu-Grundschule tragen die Kinder Schulkleidung Sie fühlen sich darin sehr wohl – und haben ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt

Annette Kögel

Es gibt Schlüsselerlebnisse wie dieses. Da war Lehrerin Elke Osterland mit ihrer Klasse 1c zu einem Ausflug in den Bahnhofspassagen unterwegs. Ihre Schützlinge waren in Schulkluft gekleidet, in rot, blau und gelb – aber am aufgenähten Schullogo als Einheit zu erkennen. „Die Leute sind stehen geblieben, haben sich gefreut und uns gewunken. Und ich habe gespürt: Wir sind eins.“

Gemeinschaftsgefühl durch Schuluniform: Die Max-Dortu-Grundschule in Potsdam hat das, was Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) kürzlich forderte, vor vier Monaten in die Tat umgesetzt: Die Grundschule führt nach und nach Schulkleidung für alle Klassen ein. „Ich kann das jeder Schule nur empfehlen“, sagt Schulleiterin Gudrun Wurzler, „wir haben durchweg gute Erfahrungen gemacht“. Durch die Kleidung würden Kinder anderer Nationalität weniger ausgegrenzt, sagt Lehrerin Brigitte Bullert. Vor allem die ausländischen Kinder tragen die Kluft mit Stolz, sagt Wurzler. Wie das Mädchen, das gerade den Kopf durch die Sekretariatstür steckt. Die Eltern stammen aus Afghanistan, es werde streng muslimisch erzogen, „und empfindet die Schulkleidung regelrecht als Befreiung und fühlt sich auch sicherer“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Ute Freibrodt. Selbst wenn es warm ist, lege das Mädchen das Fleeceshirt nicht ab. Oder der Junge aus Angola. Manassi heißt er, ist seit zwei Monaten in Deutschland, ohne Eltern, er wird in einer Klinik behandelt. Auch er kommt nie ohne das Schulshirt.

Schulkleidung – auf dieses Wort legt Schulleiterin Wurzler Wert. Denn einer konservativen Uniform ähneln die 16 Stücke der von den Schülern mitentwickelten Kollektion nicht. Ob Basecap, T-Shirt oder Zweifachjacke – alle tragen das gelbe Emblem mit dem Pinsel für Kunst, Notenschlüssel für Musik, Fußball für Sport.

Mit Sport fing alles an, sagt Ute Freibrodt. Den Mannschaftsgeist, der die Schüler im Sportdress erfüllte, wollte man in den Unterricht übertragen, Eltern hatten das angeregt. Der Arbeitskreis Schulkleidung kümmert sich jetzt um die Bestellungen. Für die 70 Erstklässler der 320 Schüler ist die Kleidung verpflichtend, von den übrigen 250 Schülern haben sich 80 Prozent mindestens ein Teil freiwillig besorgt. „Die Eltern, die dagegen waren, haben das bei der kleinen Übergabefeier mit Modenschau regelrecht bedauert“, sagt Wurzler. Auch in den dritten Klassen schlüpfen viele freiwillig in die bunte Kluft. „Ich finde die schön und praktisch, weil man die anderen Kinder erkennt, die zu einem gehören“, sagt die achtjährige Nergiz Artan ohne jeden Akzent. Sogar „der Oberbürger hat uns dazu gratuliert“. Sie meint Jann Jakobs.

Kennt ihr das, dass in manchen Klassen Außenseiter gehänselt werden wegen ihres Aussehens oder dem Land, aus dem sie kommen? Ja, sagt Aljona Lisovaya mit russischen Eltern, „die Jungs ärgern mich manchmal und stecken mir Bleistifte in die Haare“. Dann gebe es auch welche, die einer schwarzen Mitschülerin „schwarze Schokolade“ nachrufen oder Mitschüler Wolfgang mit Eltern aus dem Kongo nur mit Nachnamen anreden, der so klingt wie Mumbomo. „Dabei ist Wolfgang im gleichen Krankenhaus geboren wie ich“, sagt der neunjährige Jacob, „und Nergiz ist ja auch gar keine richtige Ausländerin“.

Kleine Neckerereien, kleine Sticheleien – wenn man hier früh ansetze, könne man für später viel bewirken, meint Lehrerin Karin Brose von der Haupt- und Realschule Hamburg-Sinstorf. Dort tragen die Schüler seit sechs Jahren einheitliche legere Oberbekleidung. Brose hat auch ein Buch mit Tipps geschrieben (www.schulkleidung.com). „Unsere Kinder wachsen erst gar nicht mit Markenfetischismus auf, weil wir auch Trendkunde durchnehmen und Werbung analysieren.“ Die Schule bekommt inzwischen auffällige, aggressive Schüler zugewiesen. „Die Jungs ändern mit der Kleidung auch Auftreten und Benehmen, die Jugendlichen gehen gelassener miteinander um. Die merken, dass es bei uns nicht angesagt ist, den eigenen Selbstwert mit Statussymbolen aufzumöbeln“, sagt der Sinstorfer Schulleiter Klaus Damian. In Potsdam regte Lehrerin Elke Osterland jetzt an, auch Schuhe mit aufzunehmen – da sei der Unterschied der Herkunft noch zu sehen.

Das Max-Dortu–Outfit hat auch Folgen, mit denen keiner rechnete. Zum Beispiel kommen jetzt Eltern plötzlich ins Gespräch, weil sie sich über die Kluft der Kinder erkennen. Die kleine Nergiz aus der 3b wackelt derweil aufgeregt mit ihrem Stuhl. „Diesmal haben wir Kinder es besser als Ihr Erwachsenen“, freut sich die Achtjährige, „wir haben Schulkleidung!“

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