Werbinich : Deutsch lernen in der Märchenstunde

Zuhören statt fernsehen: An der Weddinger Anna-Lindh-Grundschule zaubern Schauspieler Bilder in die Köpfe – das hilft der Sprachentwicklung

Dorothee Nolte

An der Herbert-Hoover-Realschule gilt Deutsch-Pflicht, weil die Schüler nicht rechtzeitig Deutsch gelernt haben. Damit es soweit gar nicht erst kommt, werden Grundschulen immer erfindungsreicher.

Diar zappelt. Er rollt sich auf dem Teppich herum, wirft ein Kissen hoch, boxt seine Nachbarn, lacht unvermittelt, zieht seine Strümpfe an und aus, schneidet Grimassen. Das Märchen von der weißen Stute, das die Schauspielerin Marietta Rohrer erzählt, interessiert ihn nicht, auch nicht die Abenteuer des Sohnes der Stute, der in der Unterwelt mit Drachen kämpft. Diar zappelt, er kann nicht anders, die Unruhe steckt in seinem Körper wie ein Virus, auch als Marietta Rohrer-Ipekkaya ihn auf den Schoß nimmt. Die anderen Erstklässler maulen, weil sie nichts verstehen. Diar (Name geändert) muss gehen und mit ihm ein anderer Störer.

Ruhe. Marietta Rohrer-Ipekkaya atmet auf. Sie thront auf einem weißen Korbsessel, um sie herum liegen und sitzen auf dem hellblauen Teppich, der „Märchenwolke“, zehn Fünf- bis Siebenjährige, jeder an sein Kissen gekuschelt. Jetzt erst kann der Raum für eine Geschichte entstehen, hier im Erzählraum der AnnaLindh-Grundschule in Wedding, jetzt erst kann die Theaterpädagogin ihre Kunst entfalten: mal flüstern, mal laut werden, mal prinzessinnenhaft piepsen, mal grollen und auf den Boden stampfen wie ein Riese, dabei ihre kleinen Zuhörer immer fest im Blick. Kein Buch steht zwischen ihr und den Kindern, das ungarische Volksmärchen erfüllt den Raum, und die Erstklässler hängen an ihren Lippen oder rufen, voll der Identifikation: „Ich bin der Prinz!“ Einige dösen auch. Aber alle sind für die Dauer der Erzählstunde in einer anderen Welt.

Einfach nur zuhören, einer Geschichte folgen, Bilder im Kopf erzeugen statt sie vom Fernseher abzusaugen – das müssen viele Kinder erst lernen. „Sie können sich zum Teil nicht länger als 30 Sekunden auf etwas konzentrieren“, sagt die Rektorin der Anna-Lindh-Schule, Renate Preibusch-Harder. „Von zu Hause aus sind sie es oft gar nicht gewöhnt, dass jemand über längere Zeit mit ihnen redet oder ihnen vorliest.“ 80 bis 90 Prozent der Kinder, die die Weddinger Grundschule besuchen, haben einen Migrationshintergrund. Gerade sie sollen durch das Projekt „Erzählen und Spielen“, das seit Herbst vergangenen Jahres läuft, in ihrer Sprachentwicklung gefördert werden: in einem Alter, das entscheidend ist auch für die Lesefähigkeit und -motivation.

Vier Erzählerinnen kommen an zwei Vormittagen in die Schule und halten in einem eigens umgebauten Raum Märchenstunden ab – die Klassen werden dafür aufgeteilt, damit eine konzentrierte Atmosphäre entstehen kann. Die Geschichten stammen aus unterschiedlichen Kulturen, so wie die kleinen Zuhörer auch. „Die Kinder müssen gar nicht jedes einzelne Wort verstehen“, sagt Marietta Rohrer-Ipekkaya. „Wichtiger ist, dass die Geschichte in ihnen nachhallt.“

Das Projekt geht, ungewöhnlich genug, auf eine private Initiative zurück: Marie-Agnes von Stechow (siehe Interview) entwickelte das Konzept mit der Schulleiterin und den Theaterpädagoginnen Ulrike Hentschel und Kristin Wardetzky von der Universität der Künste (UdK). Sie suchte Unterstützer wie Richard von Weizsäcker oder die Schauspielerin Edith Clever und warb um Sponsoren: Die Deutsche-Bank-Stiftung unterstützt das Projekt mit 32 000 Euro, die Norddeutsche Landesbausparkasse und die Volkswagenstiftung sind mit kleineren Beträgen beteiligt, die UdK investiert rund 10 000 Euro für die wissenschaftliche Begleitung.

Sprachstandserhebungen vor und nach dem Schuljahr werden zeigen, ob die Märchen-Kinder bessere Fortschritte machen als die Kinder in den zunächst nicht geförderten Parallelklassen. Wenn ja, sollen Fortbildungen für Lehrer im Erzählen folgen, denn das Ziel des Projekts ist, das Märchenerzählen in den Unterricht und die Curricula zu integrieren. Eigentlich wäre das leicht, meint Felix Strasser, der für die UdK das Projekt begleitet. „Die Lehrer könnten doch jeden Morgen zuerst ein Märchen erzählen!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben