Werbinich : Die Angst vor der Einschulung

Katrin Wittneven

Da in den Schulen im Moment nichts passiert, berichten wir in den kommenden Wochen, wie sich Eltern und ihre Kinder auf die Einschulung vorbereiten.

Heute: Nele Wittneven, 5 Jahre

Der Gedanke daran, dass dieses Kind zur Schule kommen sollte, schien absurd. War sie nicht gerade auf die Welt gekommen? Schule: Das klang nach Abitursfeier, ersten Küssen auf Klassenreisen und einer Glocke, die um acht Uhr klingelt. Weil aber in Berlin die Vorschule abgeschafft wurde, sollen alle Kinder, die dieses Jahr sechs werden, in die erste Klasse kommen. Also auch Nele, obwohl sie erst fünf ist. Und das ganz unabhängig davon, dass unser kerniger Nachbarssohn Theo, der in ein paar Tagen sieben wird und zudem bereits ein Jahr Vorschule hinter sich hat, ebenfalls Erstklässler wird.

Nach der Skepsis kam die Panik: Kann sie das überhaupt? Kommt sie in einer Gruppe von knapp 30 Kindern überhaupt klar? Wo doch Grundfertigkeiten wie das Binden einer Schleife oder auch nur der gekonnte Umgang mit dem Klopapier, nun ja, eben noch nicht so ganz ausgefeilt sind. Soll das Kind auf dem Schulklo sitzen und die Lehrer mit einem fröhlichen „Ich bin feeeeertig!“ rufen?

Die erste Beruhigung brachte die Schuluntersuchung im Dezember, kurz nach dem fünften Geburtstag. Während die verunsicherte Mutter vorsorglich um Großzügigkeit bat, da das Kind ja nun wirklich noch viel kleiner als die anderen war, hüpfte es wacker hin und her und hatte eine solche Freude am geforderten Korrigieren der „falschen“ Worte, dass den restlichen Nachmittag „Elepanten“ und „Naskörner“ verbessert werden mussten. Ungeahnte Ausdauer bei einem Kind, das bisher eigentlich nie besonderen Ehrgeiz bei so etwas gezeigt hatte.

Auch der Kinderladen war eingestiegen und hatte mit einem Vorschulprogramm begonnen, dessen Abfolge sich uns nie ganz erschloss, aber zusätzlich unsere Nerven beruhigte. Letztlich aber war es Nele selbst, die sich veränderte und plötzlich anfing, Buchstaben vom Ikea-Katalog abzuschreiben, die Sache mit dem Klopapier noch einmal anging und Fragen danach stellte, wer denn, wenn jeder eines Kindes Kind ist, das erste Kind gewesen sei.

Ein erneuter Einbruch kam allerdings beim Aussuchen eines Schulranzens, was nicht nur ästhetische Grenzerfahrungen mit sich bringt, sondern auch einen Kult um bis dahin komplett unbekannte Marken. 4You oder McNeil? Ergo-Light 3 oder Ergo-Light 2? Und vor allem sehen sie so enorm groß aus an dem Kind. Doch sie macht das schon. Wir Eltern kommen dann schon hinterher. Wobei es mir vor der Glocke um acht immer noch graust.

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