Werbinich : Die Beziehungskiste

Sechs Freunde, eine Wohnung. Ist das schön oder schrecklich? Unser Autor hat Tagebuch geführt.

Sebastian Leber

FREITAG, 2. JUNI

Jetzt bleibt er liegen. Dreimal habe ich ihn aufgehoben, nun ist Schluss. Einer macht sich wohl einen Spaß daraus, morgens den Duschvorhang abzureißen und auf den Boden zu werfen. Das ist nicht gedankenlos, das ist böse Absicht.

SONNABEND, 3. JUNI

Meine Großraum-WG, das sind 220 Quadratmeter Altbau in Prenzlauer Berg. Das sind sieben Zimmer, zwei Bäder, eine Küche, ein langer, verwinkelter Flur. Und das sind Lisa, Caro, Hendrik, Kristin, Jochen und ich.

Wir machen viel zusammen: Für heute war eigentlich ein verspäteter Frühjahrsputz geplant. Wir stimmen kurz ab und gehen in den Park.

SONNTAG, 4. JUNI

Das Wunderbare an einer großen WG: Es ist immer jemand in der Küche. Manchmal auch Menschen, die man noch nie gesehen hat. Zwei Typen behaupten, dass sie mit Hendrik studieren. Und gerade ein Band-Projekt planen. Tolle Sache. Müssen sie deshalb meinen Kaffee austrinken?

MONTAG, 5. JUNI

Krisensitzung im Flur. Heute wird alles angesprochen: der verschimmelte Topf unter der Spüle, die kaputte Türklingel, der Duschvorhang. Hendrik sagt, dass niemand außer ihm Waschpulver einkauft. Kristin fängt an zu weinen. Nach zwei Stunden beschließen wir, dass von jetzt an alles anders wird. Jeder muss sich einfach ein bisschen mehr Mühe geben.

DIENSTAG, 6. JUNI

Jochen hat Geburtstag. Von uns gibt es King Kong in der Version von 1933. Seine Eltern haben ihm einen Tischkicker geschenkt. Die Freude ist riesig, wir kickern bis spät nachts. Torwarttore zählen doppelt.

MITTWOCH, 7. JUNI

Der größte Vorteil, wenn man mit vielen Frauen zusammenwohnt: Dauernd bringen sie ihre Freundinnen mit nach Hause. Die sitzen dann in der Küche auf dem Präsentierteller – das ist Speed-Dating, ohne Eintritt zu zahlen. Heute zu Gast: Katja. Hat leider einen Freund.

DONNERSTAG, 8. JUNI

Lisa hat Pasta gemacht und mir einen Teller aufgehoben. Mit Mozzarella und frisch gepflückter Petersilie oben drauf. Ich liebe meine WG.

FREITAG, 9. JUNI

Der Duschvorhang liegt wieder auf dem Boden. Ich bleibe gelassen.

Jochen hört mit dem Rauchen auf. Zum dritten Mal dieses Jahr. Das bedeutet: Abstand halten, alle Konflikte vermeiden. Bis er wieder mit dem Aufhören aufhört.

Caro meint, dass sie Besuch bekommt und ob wir etwas dagegen hätten. Aber nicht doch, sagen wir, geht voll in Ordnung. Anna heißt sie und ist eine gute Freundin aus Rostock. Und wie lange will sie bleiben? Ach, sie macht ein Praktikum, sagt Caro. Das dauere nur so neun Wochen.

SONNABEND, 10. JUNI

Wir feiern Einjähriges. Sitzen gemütlich in der Küche, trinken Rotwein bei Kerzenlicht und erinnern, was wir in der kurzen Zeit alles erlebt haben: der Großeinkauf bei Ikea. Der erste gemeinsame Videoabend. Der Tag, als die Zeugen Jehovas vor der Tür standen. Der erste Streit ums Aufräumen. Der kleine Kabelbrand in der Küche. Das sind Geschichten, die wir später unseren Enkelkindern erzählen. Aus Sentimentalität steckt sich Jochen eine Zigarette an.

SONNTAG, 11. JUNI

Die Neue ist da. Anna. Wahnsinnig hübsch. Lockenkopf, Stupsnase, Augenbrauen-Piercing. Ob sie einen Freund hat?

MONTAG, 12. JUNI

Ich zeige Anna meine CD-Sammlung. Und frage mich, ob das wohl was werden könnte: zusammen wohnen und zusammen Sex haben. In den 70ern ging es ja problemlos, mit Uschi Obermaier und Dieter Kunzeldings und so.

DIENSTAG, 13. JUNI

Der Duschvorhang liegt auf dem Boden. In einer Riesen-WG gibt es immer einen, der hilft. Für jedes Problem einen Experten. Muss eine Schraube in die Wand, frage ich Hendrik. Will ich DVDs gucken, wühle ich in Lisas Kommode. Und in Liebesfragen hilft Kristin: Na sicher habe ich Chancen bei Anna. Aber vielleicht sollte ich sie nicht gleich überfallen, nach drei Tagen. Guter Rat.

Der Tischkicker nervt zunehmend. Jeden Abend wird mindestens eine Stunde gespielt. Vorzugsweise nach Mitternacht. Durch die Wand höre ich jeden einzelnen Schuss. Ich muss etwas unternehmen.

MITTWOCH, 14. JUNI

Hendrik schlägt vor, einen Putzplan einzuführen. Jeder muss jede Woche etwas für die Gemeinschaft tun: Staubsaugen, Klos putzen, Müll rausbringen, Küche schrubben.

Wir diskutieren drei Stunden und lehnen ab. Die anderen wundern sich, wo die Tischkicker-Bälle hin sind. Ich weiß von nichts.

DONNERSTAG, 15. JUNI

Seit heute kickern sie wieder. Mit Murmeln als Ballersatz. Die sind schwerer und lauter.

Caro hat Angst, dass die Nachbarn im Haus schlecht über uns reden. Wegen der lauten Musik, weil ständig fremde Leute ein- und ausgehen, weil sich Jochens Kumpel neulich im Hausflur übergeben hat.

Wir beraten über Gegenmaßnahmen, Kristin schlägt eine Image-Kampagne vor: ab sofort immer alle grüßen, anlächeln, auch mal Türen aufhalten.

FREITAG, 16. JUNI

Der Duschvorhang liegt auf dem Boden.

Aus Jochens Zimmer stinkt es fürchterlich. Kein Wunder, wenn er sechs Wochen sein Aquarium nicht reinigt. Aber Jochen wundert sich nicht. Ob er es überhaupt riecht?

Lisa hat eine fixe Idee: Wenn wir uns bald noch besser kennen und vertrauen, könnten wir ja probeweise die Klotüren aushängen. Lautes Gelächter, Witze auf Lisas Kosten.

SONNABEND, 17. JUNI

Ich kann den Kicker nicht mehr hören. Aber nicht, weil die anderen das Spielen leid sind. Sondern weil sich Caro auf dem Flohmarkt zwei Trommeln gekauft hat. Wenn sie damit im Nebenzimmer übt, haben andere Geräusche keine Chance. Rhythmusgefühl ist nicht Caros Stärke.

SONNTAG, 18. JUNI

Haben morgens zusammen aufgeräumt. Alles Altglas weggebracht. Und den Duschvorhang festgeklebt. Lisa und Jochen waren für die Bäder zuständig, haben alle herumliegenden Zahnbürsten kunstvoll in einem Becher verstaut. Es sind 19. Dann raus zum Baggersee. Ich kann mir nicht vorstellen, wie mein Leben noch schöner sein könnte.

MONTAG, 19. JUNI

Doch, ich kann es mir vorstellen: wenn Hendrik ausziehen würde! Gestern Abend hat er Anna geküsst. Während ich Waschpulver gekauft habe.

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