Werbinich : Die Empörten

In einer stillgelegten Brauerei diskutieren sie stundenlang über Flashmobs und die Besetzung von Banken. Das Regierungsviertel haben sie umzingelt, am Bundespressestrand ihre Zelte aufgeschlagen. Was treibt die Aktivisten von Occupy an? Unser Autor hat sich umgehört

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Der Zeltraum.
Der Zeltraum.Foto: dpa

Die Wände in der stillgelegten Patzenhofer-Brauerei in Friedrichshain sind voller Graffiti, das Licht schummert, und es ist bitterkalt. Doch daran scheint sich an diesem Dienstagabend Ende Oktober keiner der 40 Aktivisten zu stören. Sie sitzen auf dem nackten Fußboden, Stühle gibt es keine, Tische auch nicht, dafür haben sie sich Zeitungen unter den Hintern gelegt, denn das hier kann länger dauern. Sie sind empört, sie wollen über ihre Empörung reden, deshalb haben sie sich hier getroffen. Seit anderthalb Stunden diskutieren sie nun schon, die meisten sind Anfang bis Mitte 20, gleich viele Männer und Frauen. Einige rauchen selbst gedrehte Zigaretten oder trinken Club Mate. Sie reden über Flashmobs in Supermärkten oder U-Bahnen, über Besetzungen von Banken oder darüber, wo sie ein Zeltlager errichten könnten. Es ist erst das zweite Treffen der Aktivisten.

Zwei Wochen zuvor waren sie mit Tausenden anderen unter dem Motto „We are the 99 percent“ vom Alexanderplatz zum Platz der Republik gezogen, anschließend besetzten sie neun Tage lang die Wiese vor dem Reichstag. Die Demonstration am 15. Oktober war der Anfang der Occupy-Bewegung in Berlin. An diesem Tag surften die Aktivisten auf dem Kamm einer weltweiten Protestwelle. Nun sitzen sie in der ehemaligen Brauerei und beratschlagen, was sie tun können, damit der Strom der Empörung nicht wieder verebbt.

Ohne zivilen Ungehorsam gehe es nicht, da sind sich in der Runde alle einig. Ein Mädchen mit rot gefärbten Haaren sagt: „Wenn wir den Leuten nicht mit ständigen Aktionen zeigen, wer wir sind und was wir wollen, dann ist das hier alles ganz schnell wieder vorbei.“ Empörung kann man nur schwer messen, aber hier in der alten Brauerei scheint sie groß zu sein. Wer die Diskussion erlebt, hat das Gefühl, bei etwas Bedeutendem dabei zu sein. Es liegt etwas Konspiratives, Geheimniskrämerisches in der Luft. Die Aktivisten wollen unbedingt etwas verändern; nur wie das gehen soll, das wissen sie noch nicht, das versuchen sie gerade herauszufinden.

Wer sich in Berlin auf die Suche nach der Empörung begibt, der braucht nicht lange zu suchen. Empörung scheint es an jeder Ecke zu geben, Empörung, die aus einem Gefühl der Ohnmacht entspringt, aus dem Gefühl, übergangen zu werden. 3350 angemeldete Versammlungen hat die Polizei in diesem Jahr bereits gezählt, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 2743. Die Empörung scheint zu wachsen, auch bei den Jungen, die immer wieder als politikverdrossen beschrieben werden, für die Lifestyle wichtiger sein soll als Weltanschauung. Doch auch bei vielen von ihnen sind Resignation und das „Ohne mich“ in persönliches Engagement umgeschlagen, auf einmal wollen sie mitreden, mitbestimmen – das kann man an den unzähligen Bürgerinitiativen ablesen und vor allem an Occupy. Und deshalb kann es kein Zufall sein, dass einer der großen Hits dieses Jahres „Nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko ist.

Doch anders als etwa die Flugroutengegner in Schöneweide weiß Occupy gar nicht, wofür es steht. Es ist eine Bürgerbewegung ohne politisches Ziel, keine Bürgerinitiative: Es gibt keine Forderungen, keine Sprecher, kein Gesicht, nicht einmal ein Logo. „Die Bewegung vertritt kein präzises Anliegen“, sagt der Protestforscher Dieter Rucht. Deshalb habe sie bisher so wenig Durchschlagskraft entwickelt. Er hält Occupy Berlin für ein vorübergehendes Phänomen, es mangele an Erfahrung und Expertise. Dass Occupy zu einer „Repolitisierung der Jugend“ führen werde, sagt Rucht, dafür sei die Bewegung zu klein. Nur auf zwei Schlagworte könnten sie sich bisher einigen: auf eine „diffuse Kritik an den Finanzmärkten“ und den „Willen, neue Kommunikationsformen auszuprobieren“.

Tatsächlich ist die direkte Demokratie bislang die wichtigste Botschaft von Occupy. Jeden Tag um 17 Uhr halten die Aktivisten vor dem Reichstag „Asambleas“ ab, wie sie ihre Versammlungen nennen. Die Debatten werden dort per Mic-Check ausgetragen, dem menschlichen Mikrofon, bei dem die Zuhörer die Worte eines Redners laut wiederholen. Entscheidungen werden nur einstimmig beschlossen. Konsens statt Konfrontation – das ist, was alles zusammenhält.

Die Basisdemokratie ist jedoch Fluch und Segen zugleich. Jeder darf mitreden, dieser charmante Dilettantismus macht den Reiz der Bewegung aus, er hemmt sie aber zugleich. Denn ebenso gilt: Jeder darf mitreden, und zwar auch, wenn er keinen blassen Schimmer hat. Rucht sagt: „Es sind vor allem Leute aktiv, die neu sind im Politikgeschäft, die sich aus einem Lebensgefühl heraus entschlossen haben, mitzumachen – Leute, die sich selbst finden wollen.“

Zoltan Grasshoff ist von Anfang an dabei. Mit roten Ohren steht er im Hof der Parochialkirche in Mitte. Ein schneidender Wind pfeift, die Glut in der Feuerstelle ist erloschen, und knapp 20 Zelte stehen so dicht an dicht, als suchten sie Schutz vor der Kälte. Zoltan übernachtet hier im Zeltcamp, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Der gebürtige Berliner ist professioneller Pokerspieler. Schon im Sommer war er dabei, als einige Aktivisten aus Solidarität mit den Protesten in Spanien auf dem Alexanderplatz zelteten. Die Bewegung, die sich „Echte Demokratie Jetzt“ oder „aCAMPada“ nannte, schlief jedoch ein. Doch dann kam der 15. Oktober und Zoltan sprang so wie viele einfach auf den Zug der Bewegung auf. „Ich wusste, die Zeit ist reif, jetzt geht es los.“

Vier Wochen ist die Bewegung nun alt, und sie organisiert sich. „Es ist ein Prozess, wir lernen jeden Tag dazu“, sagt Zoltan. Bis zu 500 Leute seien aktiv, einige kämen aus Frankreich, Holland, England, Israel, Spanien. Seit dem Treffen in der stillgelegten Patzenhofer-Brauerei haben sie verschiedene AGs gebildet: für Geld, Strategie, Presse oder Meditation. Sie haben einen Brief an Klaus Wowereit geschrieben und gefordert, dauerhaft auf einem öffentlichen Platz zelten zu dürfen. Und sie haben alle Aktionen auf der Website Alex11.org gebündelt. Dort könne jeder seine Ideen eintragen, erklärt Zoltan. „Wir arbeiten dezentral und setzen auf den intelligenten Schwarm.“

Es scheint voranzugehen. Das liegt auch daran, dass Protestprofis wie Fabian Steininger dabei sind. Der 26-Jährige, der Geschichte an der FU Berlin studiert, engagiert sich seit dem G-8-Gipfel in Heiligendamm bei Attac und bringt sein Know-how auch bei Occupy ein. Die üblichen Leute aus den politischen Gruppen seien nicht dabei, es gebe keine sektiererischen Diskussionen, sagt er, das tue der Bewegung gut.

Eine Mischung aus Empörung und Hoffnung ist es, die die Aktivisten antreibt. Eine defätistische Ahnung davon, dass eine Katastrophe in der Luft liegt, die sie aufhalten wollen, friedlich und ohne Gewalt. Im Camp reden sie oft von alternativen Lebensformen, ganz ohne Geld. Sie wollen die Verhältnisse zum Tanzen bringen – und machen sich damit nicht nur Freunde.

Mit seinem „Zentrum für Politische Schönheit“ inszeniert Philipp Ruch das große Protesttheater. Wenn man sich mit ihm unterhält, schwirrt einem schnell der Kopf. Er jongliert mit den Namen großer Philosophen, räsoniert über Genozide und Menschlichkeit. Der 30-Jährige macht Aktionskunst. In Sarajevo will er eine Säule der Schande in Erinnerung an das Massaker von Srebrenica errichten. Vorm Reichstag protestierte er schon vor zwei Jahren.

Vielleicht betrachtet Ruch Occupy auch deshalb mit Skepsis. Was ihm an der Bewegung missfällt, ist das Naive und der Hang zur Basisdemokratie, den er für antidemokratisch hält, weil sich differenzierte Positionen so nie durchsetzten. Ruch will die Welt nicht umkrempeln, nur ein Stück besser machen. „Andere NGOs stöhnen und ächzen, weil sie sich seit Jahren engagieren und nicht annähernd so viel Zulauf bekommen“, sagt er. „Über kurz oder lang werden sie mit anderen Organisationen kooperieren müssen.“

Mittlerweile tut Occupy das. Mit 20 anderen NGOs rief die Bewegung zur Umzingelung des Regierungsviertels auf. Tausende Menschen waren auf der Straße, so wie nun beim Bildungsstreik. Protestforscher Rucht warnt jedoch, dass die Botschaft von Occupy verwässert werde, wenn die Aktivisten auch noch ein kostenloses Masterstudium forderten. „Den Winter wird Occupy schwerlich überstehen“, prognostiziert er. Es gebe sogar Überlegungen, sich zurückzuziehen und im Frühjahr gestärkt wiederzukommen.

Zoltan, der Pokerspieler, will nicht aufgeben. Er ist inzwischen ins neue Camp am Bundespressestrand gezogen. Seinen Enthusiasmus scheint nichts zu trüben: weder der Umstand, dass Occupy Wall Street in New York ums Überleben kämpft, noch die Tatsache, dass die Polizei einen besetzten Hörsaal an der FU geräumt hat, und auch nicht, dass ihm Ende November der Rauswurf vom Bundespressestrand droht. Notfalls könne man zurück in die Parochialkirche, sagt Zoltan. Einen Förderverein wollen sie gründen, bald sollen Referenten im Camp sprechen. Und wenn die Auswirkungen der Krise nach Deutschland schwappten, dann werde es in jedem Kiez beheizte Zelte und Wohnwagen geben.

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