Werbinich : Die ganz alltägliche Folter

Unser Kolumnist Roger Boyes weiß, wie grausam Lehrer und Mitschüler sein können

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An dem Tag, als die ersten FolterFotos aus dem Irak auftauchten, hat sie meine Zeitung nicht auf der Titelseite gedruckt. Gerüchte machten die Runde. Hatte Rupert Murdoch die Veröffentlichung verboten? Hatte unser Herausgeber Angst, dass sie gefälscht sind? Ich kenne den wahren Grund: Die meisten Chefredakteure der Times waren auf Internaten, wo Folter zum Alltag gehört. Sie konnten nichts Sensationelles darin erkennen, dass ein Soldat auf einen Gefangenen uriniert. Das Gleiche hat man mit ihnen gemacht, als sie elf oder zwölf waren.

Ein britisches Internat, zumindest zu meiner Zeit, war ein Labor körperlicher Gewalt. Wir wurden verprügelt, wenn wir solche Verbrechen begangen hatten, wie einen Pulli in den falschen Farben zu tragen. Sechs Schläge auf den Hintern. Oder auf die Handflächen, wo man die Narben nicht so sehen konnte. Mein Lateinlehrer, Captain Hogarth – ich war auf einer Militärschule und alle Lehrer waren Offiziere – hat mich einmal so heftig geschlagen, dass ich eine Woche lang taub war. Wir lasen gerade Ovid.

Am schlimmsten war, was die älteren Jungs mit den Kleinen gemacht haben. Als Teil eines Initiationsritus gab es etwas, das „bogwashed“ hieß: Dabei entleert ein Junge seine Därme in die Toilette. Dann wurden die Neuen – vor allem rebellische Zehnjährige wie ich – mit dem Kopf in die Kloschüssel gestoßen und die Spülung gedrückt. Der Lärm war grauenhaft; Parzival in der Regie von Schlingensief. Die Angst zu ertrinken war überwältigend. Es brauchte Wochen, bis der Geruch Haar und Mund wieder verlassen hatte. Der Junge, der für meine Erniedrigung verantwortlich war, hieß Jones und ist jetzt der Bischof von Liverpool. Damals in den 60ern hieß es dann immer, dass solches Mobbing hilft, starke Persönlichkeiten zu formen. Ich glaube das nicht. Aber ich habe gelernt, Scheiße zu schlucken. Und das hat sich als eine sehr nützliche Fähigkeit in meiner langen journalistischen Karriere herausgestellt. Ich kann dem anglikanischen Bischof von Liverpool also nur danken. Ich hoffe, dass ich mich eines Tages für den Gefallen revanchieren kann.

Der Autor ist 51 Jahre alt, Deutschland-Korrespondent der Zeitung „The Times“ und Tagesspiegel-Kolumnist.

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