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Umfrage des Berliner Arndt-Gymnasiums und des Lycée Laure Gatet in Périgueux: Die Schüler werden immer konservativer

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Im April haben acht Jugendliche des ArndtGymnasiums in Dahlem im Rahmen eines Schüleraustauschs des Deutsch-Französischen Jugendwerks acht Jugendliche des Lycée Laure Gatet in Périgueux getroffen. Sie haben die Kursfahrt zum Anlass genommen, um deutsche und französische Schüler zu den Themen „Schule“ und „Persönlichkeit“ zu befragen. Für den Tagesspiegel haben sie aufgeschrieben, wie sie dabei vorgegangen sind und was man an den Antworten ablesen kann über die Einstellung der Jugendlichen zur Schule, zur Zukunft und welche Werte ihnen wichtig sind. Die Namen in Klammern bezeichnen die Schüler, die den jeweiligen Abschnitt formuliert haben.

Wir haben einen Fragebogen mit 26 Fragen entwickelt und die meisten Antworten vorformuliert, so dass unsere Mitschüler nur ankreuzen mussten, was ihre Meinung widerspiegelt. Einige Fragen haben wir aber auch so gestellt, dass die Schüler individuell darauf antworten konnten. Wir haben 67 deutsche Schüler im Alter von 17 bis 19 Jahren befragt. Sie gehen in die 12. Klasse unseres Arndt- Gymnasiums. In Frankreich nahmen 62 Jungen und Mädchen im Alter von 16 bis 17 Jahren teil, insgesamt also 129 Schüler. Sie hatten eine halbe Stunde Zeit, um die Fragen zu beantworten. Wir haben die Resultate statistisch ausgewertet. (David Brockelt, Felix Podzwadowski, Hélène Almeida, Martine Meytadier)

AUSWERTUNG DER UMFRAGE

Die Schule ist realitätsfern

Mädchen und Jungen besuchen in Deutschland und in Frankreich gerne die Schule. Trotzdem wollen alle die Schule ändern und verbessern. Zwei Drittel aller befragten Schüler in Deutschland und in Frankreich sind der Auffassung, dass die Schule keine ausreichenden Grundlagen für die berufliche Zukunft liefert. In Frankreich akzeptiert die überwältigende Mehrheit ihre Lehrer als Respektspersonen. Die meisten kritisieren aber die scharfe Konkurrenz im Schulsystem, beklagen den anstrengenden Alltag mit Unterricht bis 17 Uhr, sprechen sich gegen zu volle Lehrpläne aus und fordern, den Frontalunterricht, der die Schüler auf die Rolle von Protokollanten reduziert, durch einen Unterricht zu ersetzen, der mehr Selbstständigkeit und Dialog ermöglicht.

Die deutschen Schüler kritisieren ebenfalls die Stofffülle und Unterrichtsmethoden. Im Zentrum der Kritik stehen aber die Lehrer. Die Jugendlichen vermissen Kompetenz, Engagement, Nettigkeit und vor allem frischen Wind durch jüngere Lehrer. Auf die Frage, welcher der angegebenen zehn Berufe das meiste, welcher das geringste Ansehen verschafft, rangiert in Deutschland der Lehrer auf dem vorletzten Platz (nach Politiker, Militär, Priester und vor dem Arbeiter). Hélène, 16, sagt: „Dass wir unsere Lehrer nicht so ins Zentrum der Kritik stellen, erklärt sich aus dem gemeinsamen Kampf gegen die Verschlechterung der Ausbildungsbedingungen in Frankreich.“

Die Deutschen wollen aber nicht mit den Franzosen tauschen. Sie empfinden ihre Lehrer als weniger streng und können sich besser selbst verwirklichen. Deutsche Schüler können schlechte schriftliche Leistungen mit guten mündlichen ausgleichen. In Frankreich zählt nur das Schriftliche. Man könnte behaupten, dass die französischen Schüler über viel angelerntes Wissen verfügen, mit dem sie sich nur unzureichend kritisch auseinander setzen können, während die deutschen Schüler sehr kritisch und eloquent über Dinge diskutieren können, welche sie gar nicht richtig verstanden haben.

Raphaël,17, sagt: „Ich habe persönlich beobachtet, was die Untersuchung bestätigt, dass das vorrangige Ziel der jungen französischen Gymnasiasten die Leistungsbereitschaft ist, während die deutschen Schüler mehr auf ihre persönliche Entfaltung Wert legen.“

Hilfsbereite Mädchen, faule Jungen

Die Mädchen in Deutschland und in Frankreich charakterisieren sich als selbstständig (13%), hilfsbereit (9% in Frankreich/ 21% in Deutschland), kreativ (12% in Deutschland) und ängstlich (15% in Frankreich). Die Jungen dagegen sehen sich in beiden Ländern in der Mehrzahl als faul, wenige auch als realistisch und hilfsbereit.

Franzosen sind leistungsbereiter

Deutsche Eltern loben ihre Kinder bei guten schulischen Leistungen (60% der Eltern von Jungen, 82% der Eltern von Mädchen) und verteilen sogar Geschenke. In Frankreich lobt nur ein Drittel der Eltern ihre Kinder bei guten Leistungen, ein Drittel tadelt, ein Drittel verhält sich gleichgültig. Offensichtlich ist der Leistungsgedanke bei den französischen Schülern und bei ihren Eltern stark verankert. Die konzentrierte Leistung bis spät in den Nachmittag ist in Frankreich viel selbstverständlicher und bedarf nicht der Belohnung durch die Eltern. Dabei sind sich deutsche und französische Schüler einig in der Feststellung, dass ein guter Schulabschluss unverzichtbar ist für eine erfolgreiche berufliche Zukunft.

Im Beruf zählen Spaß und Geld

Die Hälfte aller Jugendlichen will einen Beruf, der Spaß macht und Geld und Zufriedenheit bringt. Johanna, 18, sagt: „Die Jugendlichen wissen, dass es notwendig ist, sich anzupassen und die persönlichen Vorstellungen zu modifizieren, wenn man scheitert.“ Dabei sind Jugendliche in Deutschland und in Frankreich bereit, auch in eine andere Stadt oder ein anderes Land zu gehen. Allerdings sind 74 Prozent der Dahlemer Jungen und 59 Prozent der Dahlemer Mädchen nicht bereit, jeden sich bietenden Job anzunehmen. Zwei Drittel der befragten Franzosen hingegen würden das tun.

Die Eltern sind Vorbilder

Jungen und Mädchen in Deutschland und Frankreich erhoffen sich Arbeit, Wohlstand und Familie, wobei sich die Mädchen in erster Linie Zufriedenheit und Wohlstand, die Jungen Arbeit und Familie erhoffen. Für jeden fünften Jugendlichen sind eigene Familienmitglieder die größten Vorbilder. Jeder vierte Schüler in Deutschland und in Frankreich vermag kein Vorbild zu nennen, was wohl zeigt, wie arm an Vorbildern unsere Gesellschaft geworden ist. Die Eltern sind auch wieder wichtig, wenn es um die Lösung menschlicher Konflikte geht. In Deutschland und in Frankreich suchen fast alle Kinder das Gespräch mit ihren Eltern, kaum einer das Gespräch mit seinem Lehrer. So verwundert nicht, dass sich in Deutschland und in Frankreich fast die Hälfte aller Jugendlichen in 15 Jahren als verheiratete Familienväter und Familienmütter sehen.

Bush ist größte Bedrohung

Was die größten Sorgen der Schüler hinsichtlich der aktuellen globalen Probleme angeht, so äußert fast jeder fünfte Junge, dass er von der Außenpolitik der USA schockiert ist. Diese Anti-Bush-Haltung wird von den Mädchen nicht geteilt. Sie sehen die Hauptgefahr in Kriegen, Terrorismus und in der Armut.

Zu wenig Anerkennung

Bei der Antwort auf die Frage, ob die deutsche oder französische Gesellschaft die Jugendlichen ihrer Länder als ihre Zukunft betrachtet, kommt eine große Skepsis zum Ausdruck. Etwa zwei Drittel aller deutschen Schüler sind der Auffassung nicht als Zukunft betrachtet zu werden, während in Frankreich fast zwei Drittel der Schüler ihre Bedeutung für die Gesellschaft viel positiver einschätzen. Allerdings antworten sowohl in Deutschland als auch in Frankreich über 80 Prozent aller Schüler, dass ihrer Auffassung nach ihre Probleme von der Gesellschaft nicht ernst genommen werden.

(Gina Barzen, Johanna Richter, Raphaël Dupuis, Flavien Delhoume, Audrey Prost)

INTERPRETATION DER ERGEBNISSE

Jugendliche werden immer konservativer

„Vor allem die deutschen Jugendlichen sind deutlich konservativer geworden“, sagt Wolf-Dietrich Pikart, Lehrer an der Arndt-Oberschule. Er hat den Schüleraustausch und die Umfrage begleitet. „Sie lehnen sich weniger gegen Eltern und Institutionen auf als früher.“ Die Familie werde in beiden Ländern immer wichtiger, sowohl was den Wunsch nach Kindern und familiärer Bindung angehe als auch der Sachverhalt, dass nicht wenige Schüler die eigenen Eltern und nicht wie früher Mandela, Einstein oder Mahatma Ghandi als Vorbilder für ihren Lebensweg betrachten, so Pikart weiter. Er hat vor 20 Jahren und vor zehn Jahren ähnliche Umfragen unter deutschen und französischen Schülern durchgeführt. Auch wir Schüler haben den Eindruck, dass sich deutsche und französische Jugendliche im Gegensatz zu früheren Generationen heute weniger um die großen Probleme der Zeit wie Aids, Umweltzerstörung oder Globalisierung sorgen, sondern sich wieder mehr auf sich und ihre persönliche Welt beziehen.

(Boong Charupat, Guillaume Trefeil, Hendrik Werner, Markus Müller, Oriane Hussin)

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