Werbinich : Die Großen passen auf die Kleinen auf

Sebastian Leber

Die ersten acht Wochen herrschte Chaos. Da stapelten sich auf Leons Schultisch Berge von Papier. Seiner Klassenlehrerin Gudrun Franke war das ein Rätsel: „Ich konnte mir gar nicht erklären, wo Leon diese ganzen Blätter überhaupt her hatte.“ Nach den Herbstferien war plötzlich alles anders, von da an räumte der Junge seinen Tisch jeden Tag auf. Aber da war er ja auch schon fast sechs Jahre alt.

Leon ist eines von 13 000 Berliner Kindern, die im vergangenen August mit fünfeinhalb Jahren eingeschult wurden. Alleine in seine Klasse, die 1c der Mariendorfer Carl-Sonnenschein-Grundschule, gehen sieben weitere Kinder, die nur durch die Berliner Schulreform bereits im vergangenen Sommer eingeschult werden konnten. Die Altersspanne in Leons Klasse ist groß: Die Ältesten sind inzwischen siebeneinhalb, die jüngste feierte erst vorletzte Woche ihren sechsten Geburtstag. Klassenlehrerin Franke konnte schon in den ersten Tagen des Schuljahrs „ganz deutliche Unterschiede im Entwicklungsstand der Kinder ausmachen“. Das hatte sie auch schon vor der Schulreform befürchtet. Trotzdem ist Franke überrascht. Weil sie nun festgestellt hat: „Der Altersunterschied schadet nicht.“ Eher im Gegenteil. „Die Großen passen auf die Kleinen auf, helfen zur Not auch beim Schnürsenkel-Binden.“ Leon zum Beispiel hat sich mit dem siebenjährigen Steven angefreundet. Der kümmert sich um ihn, sagt Leon: „Manchmal ist’s aber auch umgekehrt.“ Der Unterricht funktioniert deshalb, weil die Klassenlehrerin zeitgleich zur Schulreform auf ein neues Lernsystem umgestiegen ist. In der 1c lernen die Kinder nicht gemeinsam, sondern jeder für sich mit verschiedenen Arbeitsbüchern – je nach Entwicklungsstand. Mit den Schulbüchern der Lernreihe „Konfetti“ können die Kinder selbst entscheiden, welchen Buchstaben sie als nächstes lernen wollen – und in welchem Tempo. Das einzige Problem beim individuellen Lernen scheint die Klassenlehrerin zu haben: Um nicht den Überblick zu verlieren, muss sie sich jeden Tag aufschreiben, welches Kind bei welchem Buchstaben angelangt ist, und wer schon welche Übungen erledigt hat. „So wenig Freizeit hatte ich noch nie“, sagt Franke. In den letzten Monaten saß sie oft bis Mitternacht am Schreibtisch, um den nächsten Schultag vorzubereiten. Zum Glück hat sie einen verständnisvollen Ehemann. Der ist selbst Lehrer.

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