Werbinich : Die kleine Horrorshow

Der Alex gewinnt vielleicht keinen Schönheitspreis. Aber er steckt voller Geschichten

Johanna Lühr

Ein brauner Nasenbär mit Bauhelm, blauer Jacke und Kippe im herunterhängenden Mundwinkel. „Inner city blues“ steht darunter gesprayt. Der Fettgeruch vom Würstchenpavillon mischt sich mit Teergestank. Vor dem neuen Kaufhof werden noch schnell ein paar Platten verlegt, am Bauzaun stehen zwei Punks und schnorren. „Der Alex hat was Gemütliches“, wird einer von ihnen später sagen.

Was in der Kleinstadt die Bushaltestelle ist, ist in Berlin der „Alex“.Treffpunkt, Transit, Ort zum Abhängen. Gut 200 000 Menschen steigen dort täglich um. Vier S-Bahn-, drei Tram- und sechs Buslinien fahren auf, über und um den Alexanderplatz. Unter der Erde verteilt die U2, U5 und U8 die Stadtmenschen in alle Richtungen; kilometerlange Tunnel und breite Gänge schlängeln sich in der Tiefe. Da ist der Bahnhof Zoo geradezu übersichtlich.

Nur: Warum trifft man sich gerade dort, am Alexanderplatz? Burgerking-Saturn-Kommerz auf der einen Seite, Bahnhof mit Fressmeile auf der anderen Seite. Dazwischen Baustelle. Ein unfertiger Ort, ohne Mittelpunkt und Struktur. Ein zerfaserter Platz, an dessen Ecken und Enden die Jungs und Mädels hängen. Mikrokosmen. Gespräch mit zwei Gothic-Mädchen, einem Sprayer und einem Punk.

Ein Freitagabend unter der Weltzeituhr. Der Beton ist schwarz, überall sitzen Jungen und Mädchen auf dem Boden. 150 bis 200 Jugendliche sind an einem Freitag auf dem Platz hat das „Platzmanagement Alexanderplatz“ mal gezählt, bei Sonnenschein sind es an den Wochenenden sogar noch viel mehr. Im Schneidersitz, der Rücken schräg nach vorne, sitzen sie da, zum Reden, oder nach hinten gelehnt, zum Gucken.

Zwei Mädchen stehen auf und laufen Hand in Hand quer über den Platz, den schmalen durch den Bauzaun kanalisierten Weg entlang. Kann ich mit euch über den Platz reden? „O.k.“, wir gehen rüber zum Burgerking. „Ratte“ und „Monsta“ sind 16, aus Marzahn, 10. Klasse, Gymnasium. „Ratte“ hat einen schwarzen Minirock, Netzstrümpfe, schwarzes Spitzen-Top, nach hinten gebürstetes Haar, Pferdeschwanz, ein schmales schönes Gesicht und sorgfältig gezupfte Augenbrauen. Seit drei Jahren ist sie am Alex, jeden Freitagabend. Man trifft sich hier, um später wegzugehen, egal, aus welchem Stadtteil man kommt. Die Ersten tauchen so um vier Uhr auf, die letzten am Abend und irgendwann zieht man weiter. Die einen gehen in die Clubs, die anderen hängen woanders ab.

Ratte zupft an ihrem Burger herum. „Möchtest du mal beißen, Schatz?“, fragt sie die Freundin. „Nein danke, aber du vielleicht.“ Am Alex würden ganz unterschiedliche Leute abhängen: die Prolls, die Punks und die Frutten. Die Punks seien nett, jedenfalls, wenn sie nicht total besoffen wären. Aber Prolls und Frutten – das Letzte! Frutten, „das sind die intoleranten rosa Weiber, die sich die Hose in die Strümpfe stopfen“. Eine Frau mit halblanger Jeans und Turnschuhen kommt vorbei. „Guck mal, das ist ’ne Ansatz-Frutte.“ Sie holt sich eine Cola und geht hinaus über den Platz durch den Bahnhof.

Die Wiese hinter dem Fernsehturm. Eine paar Holzbänke auf dem Sandweg, die Sonne scheint, es riecht nach Alkopops und Schweiß, „wwwart mal, die Frau da will duuurch“, die Jungs tun besoffen, die Mädels streichen Haarsträhnen fest und gucken ein bisschen verunsichert in die Gegend. Die echten Alkis eine Bank weiter lassen sich nicht stören.

Neben dem Beachvolleyballfeld liegen ein paar Jungs im Gras. Ein alter Mann schüttelt den Kopf. Neulich haben sich die Anwohner aus dem Plattenbau beschwert: der Platz würde durch die schwitzigen T-Shirts im Gras verunstaltet. Viele von ihnen haben sich ihre Wohnung in der ehemals ersten Adresse der DDR verdient. Jetzt können sie von ihren Fenstern links das Gerippe vom Palast der Republik sehen. Der Fernsehturm mit dem Park ist eines der letzten Ost-Wahrzeichen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Sonntagmittag, Wind auf dem Alex. Alexanderstraße, Ecke Otto-Braun- Straße, ein paar Kastanien blühen rosa auf grauem Beton. Eine Bretterwand mit Graffiti, die „Wall of Fame“, legales Sprühen für die Jugend. Ein Junge steht davor, schmal, schwarze nach oben stehende Haare, graues T-Shirt, Spraydose in der herunterhängenden Hand. Geht ein paar Schritte zurück, guckt, wieder vor. Zschsch, „Hannah“, steht jetzt in das Herz gesprüht. Bist du oft hier? „Wenn ich Zeit hab“, Hong, 20, Ausbildung zum Rechtsanwaltsgehilfen, danach will er Jura studieren. Am Alex sprayt er, wenn er seine Ruhe haben will. Dabei ist Ruhe und Alex doch eigentlich ein Gegensatz.

Legales Sprayen, das ist für einen selber, sagt Hong. Graffiti auf Häuserwänden oder auf der Kreuzung für die anderen: Hier war ich und hab’ mich nicht schnappen lassen. Wenn es ihm gut gehe, spraye er mit vielen Farben, wenn er schlecht drauf sei, in Schwarz, zum Beispiel „Fuckcops“. Manche würden auch politische Botschaften hinterlassen, aber darauf komme es nicht an. Worauf denn? Es ginge darum zu zeigen, dass man da ist. Seine Freiheit zu demonstrieren. Die Grenzen dabei seien klar: erstens, man gehe nicht über ein gutes Graffiti drüber (Respekt), zweitens, Kirchenmauern und Denkmäler sind tabu, egal wie perfekt der Stein ist (Anstand), und drittens, man sprayt für sich und nur ein bisschen für den Fame (Bescheidenheit).

„Jeder kann machen, was er will und wer nichts tun will, kann das auch“, sagt Hong und nimmt seine Dose wieder in die Hand. Über ihm ziehen die Wolken über den Himmel. Die Tram durchschneidet den Platz. Zwei Touristen fotografieren zwei Polizisten auf ihren Motorrädern, eine junge Frau mit Rollkoffer läuft durchs Bild. Auf einer Betonstufe für Skater sitzen sich zwei Mädels gegenüber und besprechen das Wochenende, „Ey krass, das geht ja gar nicht“. Ein paar Meter weiter steht sich ein Grillwalker die Beine in den Bauch.

Der Alex ist Mittelpunkt, Treffpunkt, aber er ist keine Bühne, kein Platz für den großen Auftritt.

Montag, 18 Uhr, vorm Kaufhof. Der Weg ist an diesem Tag noch mit Gerüsten zugestellt, 25 Meter rückt die Fassade des Kaufhofs nach vorne, der Platz wird kleiner. Die Menschen vom Bahnhof drängeln sich an den Bauzäunen vorbei. Zwei Punks beim Schnorren. Was bringt das eigentlich? „Zehn Euro am Tag“, sagt der eine. Das würde reichen. Wenn er nicht trinkt, komme er auch mit fünf Euro aus. Er hat eine pinkfarbene Bomberjacke an und Schürfstellen im Gesicht. Seit zehn Jahren ist er in Berlin, er kommt aus Chemnitz. Zuerst war er am Ostbahnhof, auch mal am Zoo. Aber da sei es ihm zu junkig. Der Alex sei irgendwie gemütlicher. Im Sommer am Brunnen oder unter der Weltzeituhr. Im Winter verlegt sich der Treff unter die Erde. In die U-Bahn-Eingänge und hellgrün gekachelten Tunnel. Ein paar Meter entfernt von den Obstgeschäften, Bäckern und Schmuckläden. Der Punk ist jetzt 26, wenn es so weiter gehe wie bisher, werde er wahrscheinlich nicht über 40 werden. Manchmal denkt er über eine Entziehungskur nach. „Muss man mal sehen, ob das klappen würde“. Ist er allein? Dies sei der Platz der Punks, sie seien viele. Aber Freunde könne man die dann doch nicht nennen. Sein Kumpel nickt, „nee, Freunde echt nicht“.

Im nächsten Sommer soll der Platz vor dem Kaufhof ganz fertig sein. Die Punks werden dann auf gelben Granitsteinen stehen und schnorren, während die Frutten im verglasten Einkaufszentrum Alexa shoppen und die Gothics auf den neu errichteten Sitztreppen um den Brunnen der Völkerfreundschaft sitzen.

Auf der Weltzeituhr werden dann die Zahlen der globalen Zeitzonen in der Sonne glänzen. Darunter lebt jeder in seiner eigenen Zeit.

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