Werbinich : Die Mischung macht’s

Fünfjährige lernen mit Siebenjährigen, Erstklässler mit Drittklässlern – funktioniert das? Ein Unterrichtsbesuch in Kreuzberg

Susanne Vieth-Entus

Die dritte Stunde beginnt mit 26 Karten. Auf jeder steht in großen Druckbuchstaben ein Name: Finja, Jérôme, Marie, Luis, Sofie. Und nun geht’s los: Jedes Kind versucht, mit Knete die Buchstaben seines Namens zu formen. Oder ihn mit dem Finger in den Sand zu schreiben. Oder ihn mit Fingerfarbe und Flaschenkorken nachzudrucken. Am Ende der Stunde ist das Klassenzimmer voller bunter Buchstaben und voller Kinder, die plötzlich wissen, wie sich ihr Name anfühlt.

Was aussieht wie ein ganz normaler Start von ABC-Schützen, ist tatsächlich viel mehr: Es ist der Beginn des gigantischen Experiments, rund 13 000 Fünfjährige in die Schule zu schicken. Acht von ihnen sitzen in der Klasse 1c der Kreuzberger Charlotte-Salomon-Schule. Zum Teil erkennt man sie daran, dass sie viel kleiner sind als ihre Klassenkameraden. So wie Finja, die ihrem Banknachbarn Joshua nur bis zur Nasenspitze reicht. Wenn man sie aber dabei beobachtet, wie sie knetet und stempelt, verschwimmt der Altersunterschied. Nachher lässt sich nicht sagen, welche Buchstaben von Fünfjährigen und welche von Siebenjährigen fabriziert wurden.

„Das Alter ist nicht entscheidend. Entscheidend ist die Sozialisation“, sagt Klassenlehrerin Bärbel Rolka. Sie kennt einen Fünfeinhalbjährigen, der imstande ist, ein englisches Büchlein zu lesen. Es komme eben darauf an, wie ein Kind zu Hause oder in der Kita gefördert wurde.

Auch der große Altersunterschied der Kinder in diesem Jahrgang schreckt sie nicht: Da gibt es Siebenjährige, Sechsjährige und eben die acht Fünfjährigen. „Wir sind daran gewöhnt, Kinder verschiedenen Alters gleichzeitig zu unterrichten“, erzählt die 52-Jährige im Ringelshirt: Seit Jahren beteiligt sich die Salomon-Schule an dem Modellversuch „Jahrgangsübergreifendes Lernen“ (Jül), bei dem drei Klassenstufen gemischt werden. Deshalb wissen Bärbel Rolka und ihre Kolleginnen, wie man Unterricht organisieren muss, damit man den unterschiedlichen Fähigkeiten der Kinder gerecht wird.

Damit das anspruchsvolle Vorhaben klappt, braucht die Lehrerin allerdings Unterstützung: In den meisten Stunden ist sie nicht allein in der Klasse, sondern zusammen mit der gelernten Vorklassenleiterin Angela Jacobtorweihen oder der Sonderpädagogin Karin Vespermann. Letztere kümmert sich um Kinder mit Behinderungen, denen Förderstunden zustehen. Karin Vespermann sitzt an diesem Morgen neben einem kleinen Jungen, der es ohne ihre Hilfe kaum schaffen würde, die Buchstaben seines Namens zu kneten. Eigentlich gibt es in der Klasse vier Kinder, die diese Förderung brauchen. Zugebilligt wurde sie aber nur zwei Kindern. Die anderen gingen leer aus, weil sie „nur“ lernbehindert oder verhaltensgestört sind: Ihnen steht in den ersten beiden Schuljahren neuerdings kein Förderungsstatus mit den zusätzlichen Lehrerstunden zu. „Wir bedauern das sehr“, sagt Karin Vespermann.

Allerdings ist es Schulleiterin Karin Stetten gelungen, der Klasse 1c anderweitig unter die Arme zu greifen: Die langjährige Vorklassenleiterin Angela Jacobtorweihen kann 15 der rund 20 Unterrichtsstunden mitgestalten. Sie kennt sich nicht nur bestens mit Fünfjährigen aus, sondern hat auch bereits Erfahrung mit dem altersgemischten Lernen.

„Wir haben hier fünf Kinder, die früher mangels Schulreife zurückgestellt worden wären“, erzählt Angela Jacobtorweihen, während die Kleinen um sie herumwuseln und ihre Stempelbuchstaben zum Trocknen auf dem Fußboden verteilen. Sie hält es für eine „große Chance“, dass es diese Rückstellungen jetzt nicht mehr gibt. So könnten diese Kinder früher gefördert werden. „Und wenn sie es trotzdem nicht schaffen, bleiben sie einfach ein weiteres Jahr in der eigentlich zweijährigen Schulanfangsphase“.

Auch Brigitte Hemmers gehört zu den Lehrerinnen, die auf die Grundschulreform vorbereitet sind: Seit sechs Jahren unterrichtet sie altersgemischte Klassen. Anders als Bärbel Rolka hat sie keine reine erste Klasse übernommen, sondern nur zehn Erstklässler, die sie mit Zweit- und Drittklässlern mischt. Die Kinder sitzen an drei oder vier zusammengeschobenen Tischen. Jeder Schüler hat vor sich ein Arbeitsblatt, das seiner Klassenstufe entspricht: Die Kleinen beschäftigen sich mit den Zahlen bis zehn, die Zweitklässler rechnen schon mit Hundertern, die Drittklässler rücken den Tausendern zu Leibe. Oder sie unterstützen die Kleineren: Fast jeder Drittklässler hat ein Patenkind neben sich sitzen. „Ich helfe ihr, wenn sie auf Toilette muss oder wenn sie nicht weiterweiß“, berichtet die neunjährige Rosa über ihre sechsjährige Nachbarin Zoe.

Diese Zusammenarbeit zwischen jüngeren und älteren, zwischen behinderten und nichtbehinderten Schülern gehört zu den Selbstverständlichkeiten in Brigitte Hemmers Klasse. Der große Vorteil des jahrgangsgemischten Unterrichts liegt zudem darin, dass unter- oder überforderte Schüler nur in einen anderen Stapel Arbeitsblätter zu greifen brauchen, um passendere Aufgaben zu finden: Bisher mussten sie eine Klasse überspringen oder wiederholen und verloren dabei ihre vertraute Gemeinschaft. Jetzt können sie einfach bleiben, wo sie sind – so wie der siebenjährige Zweitklässler Leon, der schon die Aufgaben der Drittklässler lösen darf.

Schulleiterin Rosi Stetten ist heilfroh, dass sie die ersten Schulwochen ohne größere Pannen hinter sich gebracht hat: Der Hort ist seit 1. August gut angelaufen, sie hat eine einsatzfreudige Hortleiterin und engagiertes Personal aus den benachbarten Kitas bekommen und kann fast jeder Klasse eine eigene Erzieherin zuordnen. Sie hat es geschafft, die Betreuung so zu organisieren, dass die ehemaligen Vorklassenleiterinnen nicht nur im Hort, sondern auch im Unterricht eingesetzt werden können. Sie hat einen guten Caterer für das Mittagessen gefunden und irgendwann im Herbst sind endlich die neuen Horträume fertig.

Aber entspannt ist Rosi Stetten nicht. Denn neben den neuen Horträumen steht ein heruntergekommenes Schulhaus. Der Siebzigerjahrebau ist aus grauem Beton, mit Farbe beschmiert und außen wie innen renovierungsbedürftig. Als die Pädagogin vor einem Jahr von der Weddinger Rudolf-Wissell-Grundschule in die Salomon-Schule wechselte, war selbst das Schulleiterzimmer so schmutzig, dass ihre Freundinnen mit Putzeimern anrückten, um ihr den Anfang zu erleichtern. Den Besprechungsraum hat sie selbst gestrichen und auf eigene Kosten mit neuen Möbeln ausgestattet. Die Toiletten sollen seit Jahren renoviert werden – nichts ist passiert. „Ich habe immer das Gefühl, dass ich mich bei den Eltern entschuldigen muss, wenn sie das erste Mal in unsere Schule kommen“, sagt die Schulleiterin. Aber der Unterricht in ihrer Schule hat einen guten Ruf. Deshalb bringen auch die deutschen Familien aus der Umgebung die Kinder hierher und suchen sich keine Ausweichschule in gemütlicheren Gegenden wie Wilmersdorf oder Lichterfelde.

Die 49-Jährige gehört zu den Berliner Lehrern, die schon auf das jahrgangsübergreifende Lernen setzten, als andere noch nicht einmal wussten, dass es so etwas überhaupt gibt. Seit acht Jahren arbeitet sie in dem Modellversuch mit, hat von Marzahn bis Frohnau Schulen besucht, um ihr Wissen an andere Kollegen weiterzugeben. Auch deshalb ist sie froh über die aktuelle Grundschulreform, die in genau diese Richtung zielt. Sie begrüßt es auch, dass der Hort an der Schule ist und dass sie alle jetzt warmes Essen bekommen. Aber sie weiß auch, dass ihre große Schule und all die Reformen nur funktionieren, wenn keiner krank wird, wenn keiner den Elan verliert. Ein bisschen bange ist ihr schon.

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