Werbinich : Die Mittlere Reife wird zum Abi light

Zehntklässler müssen erstmals zentrale Prüfungen ablegen – höhere Hürden vor dem Übergang in die gymnasiale Oberstufe

Susanne Vieth-Entus

Dies wird ein spannendes und anstrengendes Jahr für die zehnten Klassen und ihre Lehrer: Erstmals in der Berliner Schulgeschichte wird die Vergabe der Mittleren Reife nicht nur an Klassenarbeiten und mündliche Noten geknüpft, sondern an das Bestehen von zentralen Prüfungen. Gestern stellte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) die Richtlinien vor.

Die Schüler müssen demnach im Mai 2006 in Deutsch und Mathematik eine schriftliche sowie in ihrer ersten Fremdsprache eine schriftliche und mündliche Prüfung ablegen. Zudem präsentieren sie in einem weiteren Fach wie Geschichte oder Biologie einen selbstständig erarbeiteten Vortrag, der medial anschaulich unterstützt sein muss. Das Thema wählen sie selbst in Absprache mit Lehrern und Eltern. In einem anschließenden Prüfungsgespräch („Kolloquium“) kann der Lehrer herausfinden, inwieweit die Schüler den Stoff durchdrungen haben.

Diese vier Prüfungsteile müssen im Schnitt mindestens mit „Vier“ bewertet werden, damit der Schüler den Mittleren Schulabschluss erhält. Eine „Fünf“ kann allerdings durch eine „Drei“ ausgeglichen werden. Nicht möglich hingegen ist es, Ausrutscher bei den Prüfungen mit besseren Noten aus Klassenarbeiten oder aus der mündlichen Mitarbeit („Jahrgangsnoten“) auszugleichen.

Der umgekehrte Ausgleich ist ebenfalls nicht erlaubt: Wer extrem schlechte Jahrgangsnoten hat, kann sich auch nicht mehr mit Spitzenleistungen in den zentralen Prüfungen retten. Ein Schüler bekommt den Mittleren Schulabschluss nur dann, wenn er höchstens drei Fünfen hat. Bei diesen drei Fünfen darf nur ein Kernfach – also Deutsch, Mathematik oder erste Fremdsprache – betroffen sein. Andernfalls braucht man als Ausgleich mindestens zweimal die Note „Drei“.

Strenger wird es, wenn man nicht nur den Mittleren Schulabschluss erreichen, sondern auch noch in die gymnasiale Oberstufe wechseln will. Dann darf man höchstens zwei „Fünfen“ haben, davon nur eine in einem Kernfach. Außerdem muss man bei zwei „Fünfen“ immer einen Ausgleich haben. Als Ausgleich gilt hier, dass man zwei „Dreien“ hat. Wer eine „Fünf“ im Kernfach hat, muss diese mit einer „Drei“ in einem anderen Kernfach ausgleichen.

Böger und seine Mitarbeiter sind optimistisch, dass die Schüler mit den zentralen Prüfungen zurechtkommen. Immerhin gab es drei Probedurchgänge. Vor allem der letzte wurde akribisch ausgewertet. Demnach schaffen die Gymnasiasten und die besten Gesamtschüler die Aufgaben locker, die Realschüler haben allerdings in Mathematik und Englisch zum Teil große Probleme (s. Grafik). Auffällig ist, dass es in einigen Schulen eklatante Leistungsunterschiede zwischen Parallelklassen gibt. Das sei „nicht tolerierbar“, meinte Tom Stryck, der das Referat für die Qualitätsentwicklung leitet.

Oberschulrat Gerhard Nitschke gab gestern zu, dass sich an den Schulen „eine gewisse Spannung“ wegen des Mittleren Schulabschlusses aufgebaut habe, weil sie nicht wüssten, was auf sie zukomme. Alle Schulen haben inzwischen ausführliche Handreichungen erhalten. Diese Informationen müssen sie an die Eltern weitergeben.

Zudem reagiert die Verwaltung auf den Vorwurf der Schulen, dass sie damit überfordert seien, die vielen mündlichen Präsentationen zu organisieren. Laut Nitschke kann es unterrichtsfreie Prüfungstage wie beim Abitur geben, damit die Schulen arbeitsfähig bleiben.

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