Werbinich : Die Musterknaben

Das zweite Album der Berliner Band Virginia Jetzt! ist noch romantischer als ihr Debut. Wie konnte das passieren? Eine Begegnung

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Vergangenes Jahr erschien mit „Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!“ das erste Album von Virginia Jetzt!. Es brachte der Band viel Lob, aber auch die Kritik ein, in naive Romantik und Kitsch zu verfallen. Mit dem Nachfolger „Anfänger“ gehen die aus Elsterwerda stammenden WahlFriedrichshainer noch ein Stück weiter. Mathias, der Mann am Bass, und der Gitarrist und Pianist Thomas wehren sich aber gegen den Vorwurf der Naivität. Wir treffen uns im Café Intimes. Es ist 11 Uhr, eigentlich keine gute Zeit, um mit Musikern zu sprechen. Thomas trinkt ein Glas kalten Kakao, Mathias stilles Wasser. Mal sehen.

„Anfänger“ ist ein eher ungewöhnlicher Titel für ein zweites Album.

Mathias: Wir stellen immer wieder fest, dass man mit allen Dingen, die man jeden Tag macht, Anfänger ist. Ob das als Band beim Schreiben der Songs ist oder auch sonst.

Thomas: Man ist Anfänger, wenn man sich nicht wiederholen will. Um Wiederholungen zu vermeiden, muss man immer mal mit etwas Neuem anfangen. Dazu passt ein Zitat : „Die einzige Freude auf der Welt ist das Anfangen. Es ist schön zu leben, weil Leben Anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.“

Von wem ist dieses Zitat?

Mathias: Von Cesare Pavese, einem Dichter des Pessimismus.

Aha. Nach dem ersten Album wurdet ihr als kitschig und zu naiv-romantisch kritisiert …

Mathias: Uns war wichtig, dass eine gewisse Süßlichkeit der alten Lieder jetzt weitgehend verschwindet. Auf der anderen Seite haben wir aber mit „Ein ganzer Sommer“ unseren bis jetzt kitschigsten Song geschrieben. Wir sind halt so, wir sind halt kitschige Typen und romantisch. Was soll’s.

Während andere Bands in ihren Texten leiden und über ihr hartes Leben stöhnen, habt ihr kein Problem damit, zu sagen, dass es euch gut geht.

Mathias: Diese Jammerhaftigkeit anderer Künstler – als Beispiel führen wir da immer Radiohead auf – finden wir schlicht zum Kotzen! Natürlich gibt es Sachen, die einen beschäftigen, weil sie nicht so gut laufen, aber was hat ein Künstler denn eigentlich zu jammern? Klar ist es anstrengend, auf Tour zu sein und Interviews zu geben, und dann erst die verdammt anstrengenden Drogen- und Alkoholexzesse und die Leute, die einem alles hinterhertragen!

Thomas: Wenn die über ihren Job klagen, der ihnen auf die Nerven geht, weil Fans auf den Konzerten mitklatschen – also sorry, es gibt Millionen Menschen, die sich wünschen würden, für ihre Arbeit so ein Feedback zu bekommen. Ein Maurer kriegt von seinem Polier einen Anschiss, wenn mal eine Wand nicht gerade steht, aber wann kriegt der denn mal ein Lob für ein toll gebautes Haus? Wir kriegen ständig Lob und Anerkennung.

Ernst wird es in euren Texten, wenn die Liebe ins Spiel kommt.

Mathias: Das ist ja auch das größte Alltagsproblem. Welches Alltagsproblem haben wir denn noch?

Mietrückstände, kalte Pizza, schlechte Musik im Radio?

Thomas: Ja, ja. Es geht auch um das ganz normale Leben. Um eine Frustration, die man gerade überall spürt. Wir persönlich zwar nicht so ganz, weil wir uns relativ sicher fühlen. Vielleicht wäre das anders, wenn wir Familien hätten, momentan haben wir ja nur Verantwortung für uns selber.

Habt ihr überlegt, politisch zu werden?

Mathias: So was wird angesprochen in dem Lied „Das ganz normale Leben“. Wir verstehen uns aber nicht als politische Band, vielleicht kann man das, was wir machen, eher gesellschaftskritisch nennen. Früher hatten wir dieses Augenmerk nicht, wir mussten erst Wege und Mittel finden, es musikalisch und textlich auszudrücken.

Thomas: Parteipolitisch werden wir schon gar nicht, das ist ein schwieriges Terrain. Einer Zeile wie „Nach Jahren der Verschwendung ist das Reality in Echtzeit“ meint natürlich auch so was wie die Rentenproblematik und die Verschwendung. Es ist schwierig, das direkt anzusprechen, das ist ein bisschen unsexy. Es muss also allgemeiner funktionieren, damit der Song tanzbar wird. Das geht mit so Themen wie Politik nicht.

Den Begriff Verschwendung verwendet ihr nur im Zusammenhang mit der Liebe.

Thomas: Dafür kann man ja nicht genug verschwenden.

Mathias: Das Beste, was man machen kann! Manchmal ist es natürlich auch Verschwendung im negativen Sinn, aber das ist dann auch nicht schlimm.

Kann man sich denn auch zu sehr verschwenden?

Mathias: Klar, wenn man sein ganzes Leben hinter einem Mädchen herrennt, das einem immer die kalte Schulter zeigt, ist das vergebens.

Thomas: Ich fand es beim neuen Album ganz spannend, relativ viele Stücke über Liebe und Beziehungen zu schreiben. Wir galten immer als Band, die das stark thematisiert, obwohl wir das gar nicht gemacht haben, auf dem letzten Album gab es zwei Liebeslieder. Es macht Spaß, mit dem Image zu spielen und noch einen draufzusetzen.

Bei „Liebeslieder“ heißt es, ihr wollt Liebeslieder schreiben, die so nahe gehen, dass sie niemand hören will. Ist das nicht Liebe bis zur Selbstaufgabe?

Thomas: Ja. Insofern, dass man nicht nur an der Oberfläche kratzt, wenn man jemanden berühren will. Bei uns sind das Liebeslieder, bei einem Maler sind es bestimmte Bilder. Du kannst die Menschen berühren, schaffst es aber nicht, dass ein Mensch das gleiche Empfinden hat wie der Künstler selbst.

Mathias: Es gibt ganz wenige ehrliche Liebeslieder. Das heißt: Gibt es auch nur ein einziges Lied über eine normal laufende Beziehung? Wenn man verliebt ist, dann ist das verdammt kitschig.

Die Fragen stellte Torsten Landsberg.

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