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Streber – und Spaß dabei: Wie Schüler erfinden, Firmen gründen und schon vorab Jura studieren

Constance Frey[Claudia Keller],Susanne Vieth-E

Eine gute Idee wird wiederholt: Zum zweiten Mal lädt Bildungssenator Klaus Böger am Freitag zur „Nacht der Talente“. Die Bildungsverwaltung hatte zuvor alle Oberschulen gebeten, ihre talentiertesten Schüler zu melden. Die Resonanz war groß: Über 400 Jugendliche kamen auf die Gästeliste (Kasten rechts). Mit dabei am Freitag im Ludwig-Erhard-Haus sind unter anderem Sieger der Wettbewerbe „Jugend forscht“ und „Jugend musiziert“, des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen, der Mathe- und Biologie-Olympiaden und des Tagesspiegel-Erzählwettbewerbs. Einige Schüler werden ihre Talente in der Nacht beweisen, darunter das Orchester „The Harmonettes“ von der John-F.-Kennedy-Schule und die Staatliche Schule für Ballett und Artistik. Der RBB moderiert, das Buffet stiftet die Industrie- und Handelskammer. Einige Talente stellen wir im Folgenden vor, drucken aber heute und in dieser Woche die Namen von allen ab.

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STIPENDIUM ERGATTERN

Dass sie nicht weiß, ob sie Jura oder Politik studieren soll, macht Filiz Keküllüoglu nervös. Sie ist ihrer Zeit immer ein bisschen voraus. Filiz geht erst in die zwölfte Klasse des Albert-Einstein-Gymnasiums, hört sich aber schon Jura-Vorlesungen an, um in einem Jahr die beste Wahl zu treffen. „Ich bin sehr ehrgeizig“, sagt sie. Wenn die Tochter türkischer Eltern früher in der Grundschule eine Zwei hatte, sei das eine Katastrophe für sie gewesen. Ihr Erfolgsrezept? Sie habe nie gedacht, sie könne schon alles. Habe alles doppelt gelernt. Seit Januar ist sie eine von sieben hochbegabten Stipendiaten, die von der Deutschen Bank, der Hertie-Stiftung und der Bildungsverwaltung mit Computern, Geld und Seminaren gefördert werden. Am liebsten möchte Filiz später mal im diplomatischen Dienst oder bei einer internationalen Organisation arbeiten.

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HANFWURST ERFINDEN

Fleischfreunde können unter vielen Sorten Wurst wählen. Für Vegetarier gibt es nur Tofuwurst. „Das ist doch ungerecht“, fand Angelique Breuer , ging ins Labor – und jetzt gibt es auch Hanfwurst. Die 18-Jährige besucht die 11. Klasse der Emil-Fischer-Schule in Wittenau, das ist das Oberstufenzentrum Ernährung und Lebensmitteltechnik. Die Wurst, die sie erfunden hat, besteht aus Hanfsamen, Dinkel und Bratwurstgewürzen. Der Hanfsamen wird aus Bayern geliefert, aufgekocht, mit dem Dinkel gebunden und zu Würsten geformt. Bis sie das richtige Mischungsverhältnis von Hanf und Dinkel gefunden hatte, vergingen einige Monate, in den sie so viel Hanfwurst gegessen hat, dass sie nun „nicht mehr so scharf darauf“ ist. Aber eigentlich schmecke sie richtig gut, sagt Angelique. Wie gut, davon können wir uns bald selbst überzeugen. Die Schülerin will die Wurst künftig in Bioläden verkaufen.

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FÜR DEN FRIEDEN RAPPEN

Texte schreiben, sagt Bilal Ibrahim , braucht seine Vorbereitung. Daher hat der 21-Jährige auch nicht einfach Rap-Texte drauflosgeschrieben, sondern sich zuerst mit amerikanischen Künstlern beschäftigt, ihre Texte studiert, Inhalte ausgewertet. Als er mit 16 Jahren anfing, selbst zu schreiben, war der Rahmen schon gesteckt. In Bilal Ibrahims Liedzeilen kommen keine abfälligen Bemerkungen über Frauen oder Beschreibungen roher Gewalt vor, sondern Politik. Er schreibt über den Nahostkonflikt, die sozialen Zustände in Deutschland und das Schicksal Palästinas, der Heimat seiner Eltern. Vergangenes Jahr landete er beim Wettbewerb „Treffen Junge Musik-Szene“ auf dem ersten Platz. Als Belohnung durfte er im Jazz-Club Quasimodo auftreten. Irgendwann, davon träumt er, will er vor tausend oder mehr Zuhörern spielen. Gemeinsam rappen dann alle über den Frieden, der im Nahen Osten einkehren soll.

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GENIALE GESCHÄFTSIDEE

Ende 2003 brannten die sechs Jungs von Grammophonia ihre ersten Schallplatten auf CD, jetzt sind es etwa 50 im Monat. Vier der sechs haben gerade das Abitur bestanden, die anderen gehen in die zwölfte Klasse, alle haben sich selbstständig gemacht. Die Kunden kommen zu ihnen nach Hause und bringen Klassik, Volksmusik oder selbst produzierte Platten vorbei, viele haben Sammlerwert. Grammophonia überspielt auch Videos, Kassetten und Super-8-Filme auf CD. Einige der Jung-Unternehmer wollen mit dem Erlös der Firma einen Teil ihres Studiums bezahlen. Wichtiger noch ist für sie das Ziel, vor späteren Arbeitgebern eine erfolgreiche Firmengeschichte vorlegen zu können. Das haben sie geschafft.

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WUNDER ERFORSCHEN

Alles begann in der Vorweihnachtszeit: Dominik Schiller und Mike Wyroslawski wollten Wunderkerzen herstellen. Das Rezept stand im Internet. Damit war es aber längst nicht getan, schließlich war da noch eine Dritte im Bunde: Ihre (pensionierte) Lehrerin Christel Rasin. Die leitet die Chemie-AG und schleppte Wunderkerzen aus Russland, Polen und der Ukraine an: Die Schüler sollten die Zusatzstoffe bestimmen, die den Kerzen beigemischt werden. Mike und Dominik wurden zu Wunderkerzen-Fachleuten: Sie fanden heraus, dass die Kerzen im Wasser brennen können, weil sie beim Abbrennen Sauerstoff produzieren. „Aber man muss mindestens zehn Stück zusammenbinden, damit es klappt“, sagen die 14-Jährigen. Außerdem experimentierten sie, um farbig brennende Wunderkerzen herzustellen. Bei „Jugend forscht“ landeten die Achtklässler damit auf dem zweiten Platz im Fach Chemie.

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KINDERN HELFEN

Schon mal was vom „Abenteuerspielplatz Waslala“ gehört? Er liegt in Alt-Glienicke, beherbergt jede Menge Tiere und eine Werkstatt, in der man Baumhäuser bauen kann. Außerdem ist „Waslala“ seit 13 Jahren das zweite Zuhause von Björn Streblow . Mit sechs Jahren kam er zum Spielen hierher, seit er 14 ist, hilft er anderen Kindern, mit Holz umzugehen. Tag für Tag. Und nach den Tieren sieht er auch. Heute ist er 19 und hat mit seinem Mitstreiter Jan Zielske bereits vier Wettbewerbe gewonnen: 2003 siegten sie bei „Jugend hilft“, dann bei „Jugend übernimmt Verantwortung“, der Präventionspreis der „Landeskommission Berlin gegen Gewalt“ folgte und eine Auszeichnung beim Wettbewerb „Demokratisch handeln“. „Ich habe nur das zurückgegeben, was ich selbst bekommen habe“, sagt Björn, der wie Jan eine Ausbildung im Oberstufenzentrum Holztechnik absolviert.

Die „Nacht der Talente“ beginnt um 18 Uhr in der Fasanenstr. 85 (Wilmersdorf).

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