Werbinich : Die Schülerdroge

Ob Hauptschule oder Gymnasium: An allen Oberschulen wird Haschisch geraucht

Susanne Vieth-Entus

Berlins Eltern sollten sich von der Hoffnung verabschieden, eine drogenfreie Oberschule für ihr Kind zu finden. Insbesondere der Haschisch-Konsum ist in den vergangenen Jahren derart gestiegen, dass es inzwischen an jeder Schule notorische Kiffer gibt. „Wenn ein Schulleiter sagt, dass an seiner Schule nicht gekifft wird, dann hat er entweder keine Ahnung oder er lügt“, sagt ein leitender Beamter der Senatsverwaltung für Bildung.

Die Entwicklung lässt sich mit Zahlen belegen. Während noch vor wenigen Jahren nur jeder sechste 15-jährige Berliner bereits Erfahrungen mit Cannabis hatte, bekannte sich bei einer Umfrage im Jahr 2003 bereits jeder dritte dazu, gekifft zu haben. Die Frage, ob sie in den vergangenen 30 Tagen gekifft hätten, bejahten mehr als 18 Prozent. Das Einstiegsalter ist in den vergangenen Jahren von 16 auf 15 Jahre gesunken. Und die Schule als Schauplatz gehört dazu.

„Natürlich wird bei uns gekifft: Man sieht es, und man riecht es“, berichtet der 15-jährige Andreas, der das Charlottenburger Schiller-Gymnasium besucht: Seitdem es keine Raucherecken mehr gebe, zögen die süßlichen Schwaden eben nicht mehr über den Schulhof, sondern über den Bürgersteig vor dem Schulgelände. Dass kürzlich der Schulleiter ungehalten in die Klasse kam, um dem Treiben Einhalt zu gebieten, habe niemanden beeindruckt, sagt Andreas, denn unter seinen Mitschülern habe Cannabis den Ruf einer „Ökodroge“.

Auch Berlins Landesschülersprecher Alexander Freier hat beobachtet, dass es unter vielen Jugendlichen akzeptiert ist zu kiffen: Die von den Grünen geführte Diskussion um die Legalisierung von Cannabis habe die Hemmschwelle nochmals erheblich gesenkt. Auch das polizeiliche Nachspiel wirke nicht eben abschreckend: „Man bekommt einen Brief und dann ist es okay.“ Wenn man mit ein paar Gramm erwischt werde, stelle die Polizei „mangels öffentlichen Interesses“ das Verfahren ein, berichtet Freier.

Die Schulen gehen sehr unterschiedlich mit dem Drogenkonsum ihrer Schüler um. Viele Schulleiter schweigen das Thema tot in der Hoffnung, dass die Eltern nichts davon mitbekommen: In den Zeiten des Schülerrückgangs haben sie schlicht Angst davor, dass Familien die Schule meiden und ihre Schule von der Bildfläche verschwindet oder nur noch als Sammelbecken für Problemkinder empfunden wird.

Es gibt allerdings auch Schulen, die kein Geheimnis aus dem Problem machen. So berichtet das Lichtenberger Immanuel-Kant-Gymnasium, dass es mit seinen Schülern eine Fragebogen-Aktion zu dem Thema gemacht hat. Die Tempelhofer Werner-Stephan-Hauptschule hat den Verzicht auf Drogen in ihr „Versprechen an die Schulgemeinschaft“ aufgenommen, das jeder Schüler zu unterschreiben hat.

Zwischen den Schulformen gibt es kaum Unterschiede, was den Cannabis-Konsum anbelangt. An den Hauptschulen wird nur unwesentlich mehr gekifft als an Gymnasien. Selbst an so renommierten Schulen wie dem Gymnasium Steglitz oder dem Tegeler Humboldt-Gymnasium wurden Schüler mit Joints oder mit den typischen roten Kiffer-Augen erwischt. „Kein Schulleiter kann ausschließen, dass auf seinem Schulgelände geraucht wird,“ steht für den Leiter der Humboldt-Schule, Hinrich Lühmann, fest.

Die Ausbreitung von Cannabis schlägt sich auch in der Polizeistatistik nieder. Wurden im Jahr 2003 noch 6070 Delikte im Zusammenhang mit Cannabis erfasst, waren es 2004 schon 7758. Auch die von der Polizei gesicherten Mengen sind gestiegen: Aus 117 Kilogramm im Jahr 2003 wurden ein Jahr später 294 Kilogramm.

Damit Jugendliche möglichst nicht mit dem Cannabisrauchen anfangen, müsse unbedingt schon im Grundschulalter gegengesteuert werden, sagt Angelika Surrmann, Expertin für Suchtvorbeugung in der Senatsverwaltung für Bildung. „Wenn Grundschüler bereits rauchen und trinken, ist die Gefahr hoch, dass sie später zu Cannabis greifen“, so Surrmann. Ähnliches gilt für den Medikamentenkonsum: Wenn Grundschüler bei Bauchschmerzen von ihren Eltern statt eines Gesprächs nur Tabletten angeboten bekämen, griffen sie später auch leichter zu Drogen. „Sie haben dann nicht gelernt, ihre Probleme zu bewältigen“, beschreibt Surrmann den Zusammenhang.

Wichtig sei aber auch, dass die Eltern den Kindern nicht einreden, dass Cannabis ungefährlich sei, sagt Margarete Straub, Leiterin der Wilmersdorfer Rudolf-Diesel-Hauptschule. Sie hat erfahren, dass Eltern sogar selbst mitkiffen und dadurch das Unrechtsbewusstsein der Jugendlichen abnimmt. Ein Vater habe sich an ihrer Schule sogar als Dealer betätigt. Nicht unwichtig ist auch, dass der Stoff relativ erschwinglich ist: Ein Gramm, das für bis zu drei Joints reicht, kostet rund fünf Euro.

Andreas Gantner, Leiter des von Bund und Land mitgeförderten „Therapieladens“ in Tiergarten, warnt dringend davor, das Kiffen auf die leichte Schulter zu nehmen: „Die Gefahr, dass sich Psychosen entwickeln, ist größer, wenn man Cannabis nimmt.“ Vor allem bei den 14- bis 18-Jährigen müsse man intervenieren, „weil sie sonst ihre Entwicklung verrauchen“ (Tipps und Gefährdungscheck unter www.therapieladen.de).

Die Bildungsverwaltung unternimmt inzwischen auch erhebliche Anstrengungen, um bereits in der Grundschule einzugreifen. Dies bedeutet vor allem, dass dem Nikotinrauchen der Kampf angesagt wird. Sehr erfolgreich ist das von Sponsoren gestützte Programm zur Gesundheitsförderung und Suchtprävention „Klasse 2000“: Nach Angaben der Bildungsverwaltung hat das Programm dazu geführt, dass in den 255 teilnehmenden Klassen niemand mehr raucht.

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