Werbinich : Die Souveränen

Demnächst wird wahrscheinlich die Union regieren. Was wollendie jüngsten Politikervon CDU und CSU?

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BerlinMitte, Wilhelmstraße 68, hier arbeitet Deutschlands Zukunft. Wer in das Gebäude will, muss Abgeordneter des Bundestages sein oder einen Besuchstermin haben, seinen Personalausweis zeigen, die Personenkontrolle wie am Flughafen durchlaufen und darauf warten, dass er abgeholt wird. Jakob Kaiser, nach dem das Haus benannt ist, kämpfte als christlicher Gewerkschaftsführer gegen Hitler, nach dem Krieg beteiligte er sich am Aufbau der CDU und war Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen. Drinnen ist es hell, viel Glas, viel Holz, die Böden glänzen wie von Meister Proper persönlich geschrubbt. Aber die Flure sind leer, verlassen stehen ein paar braune Sofas herum.

Die Unionsfraktion stellt zurzeit 247 Abgeordnete, 25 von ihnen sind unter 35 Jahre alt – so viele Junge gab es noch nie in der Fraktion. Im Vergleich mit allen anderen Parteien ist das der Spitzenwert. Unter den zehn jüngsten Parlamentariern finden sich sechs aus der CDU und CSU, und alle haben gute Chancen, nach der Wahl am 18. September wieder in den Bundestag zu kommen. Natürlich sind sie jetzt gerade alle im Wahlkampf unterwegs und haben wenig Zeit – aber vier von ihnen haben sich mit uns getroffen, um zu erklären, was sie antreibt, und was man von ihnen erwarten darf, wenn Angela Merkel regiert.

Auftritt Dorothee Mantel, geboren am 16. Mai 1980 in Bamberg, römisch-katholisch, ledig, Politologin, Spitzenkandidatin der Jungen Union in Bayern, Mitglied im Ausschuss für Innenpolitik. Dorothee Mantel trägt ein rosafarbenes Dirndl, weil am Abend das Oktoberfest der bayerischen Landesvertretung in Berlin gefeiert wird. Sie sagt, sie trägt es gern, auch wenn in Berlin die Leute komisch gucken.

„Spüren Sie schon den Aufbruch in eine neue Zeit, Frau Mantel?“

„Wir wissen, wir können gewinnen, aber nicht lange feiern. Denn nach dem Sieg kommt gleich die Arbeit. Die Leute im Wahlkreis sagen: Es wird nicht leicht für euch, hoffentlich wisst ihr das auch. Wir sind verpflichtet, es gut zu machen.“

Auftritt Stefan Müller, geboren am 3. September 1975 in Neustadt an der Aisch, verheiratet, römisch-katholisch, Bankfachwirt, Mitglied im Finanzausschuss, Wahlkreis Erlangen. Stefan Müller trägt Anzug, Hemd und Krawatte.

„Was muss die Politik unbedingt ändern, Herr Müller?“

„Wir machen seit 30 Jahren immer neue Schulden, in diesem Jahr werden die Steuereinnahmen erstmals von Zinsausgaben, Sozialausgaben und Personalkosten aufgefressen. Das müssen wir stoppen.“

Auftritt Melanie Oßwald, geboren am 1. Juni 1976 in Nürnberg, verheiratet, evangelisch, Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Kandidiert über die Landesliste. Melanie Oßwald trägt einen dunklen Hosenanzug und eine Bluse.

„Was bewegt Sie, wenn Sie an die künftige Regierungsverantwortung denken, Frau Oßwald?“

„Unsere Chance, dass wir glaubwürdig bleiben. Die ganze Politik muss wieder ernsthafter werden, weil die Menschen das Vertrauen in die Politik verloren haben. Wenn sie es nicht zurückgewinnen, können wir nichts verändern.“

Auftritt Jens Spahn, geboren am 16. Mai 1980 in Ahaus, römisch-katholisch, ledig, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung, Wahlkreis SteinfurtI-BorkenI, Nordrhein-Westfalen. Jens Spahn trägt einen dunklen Anzug und das hellblaue Hemd offen.

„Was fehlt der Politik, Herr Spahn?“

„Grundlegende Debatten, auch die Union müsste sie führen: Woher kommen wir, wohin wollen wir. Ist der Anspruch an Solidarität, dass allen geholfen wird, oder ist Solidarität die Verpflichtung, den anderen zu helfen?“

Die vier Jungen reden schon wie die Alten: souverän, abgeklärt und meist ohne Selbstzweifel. Anerkennung für den politischen Gegner? Schimmert nicht durch. Gefühle? Werden eher unterdrückt. Vielleicht liegt es ja an der Atmosphäre: Sie sind umgeben von der schweren Politik, von der sie längst ein Teil sind. Die Politik ist eine geschlossene Gesellschaft, zwar soll sie für die Menschen da sein, aber sie schließt sich gerne ein in große Labyrinthe, wie das Jakob-Kaiser-Haus, das Platz bietet für über 2000 Räume. 60 Prozent der rund 600 Abgeordneten können hier untergebracht werden, jedem Abgeordneten steht ein Büro von 18 Quadratmetern zur Verfügung.

Dritter Stock, Zimmer 3.428, das Büro von Dorothee Mantel, drei kleine Räume: für sie, die Sekretärin, für Mitarbeiter. An Mantels Tür klebt eine rote Postkarte: „Die Partei hat immer Recht“ steht da, in Anspielung an das „Lied von der Partei“ von Louis Fürnberg, dessen Refrain die Kommunisten zur Leitlinie erklärten: „Die Partei, die Partei, sie hat immer Recht.“ An einer Wand hängt ein Kalender mit Filmplakaten, der September zeigt „Gegen die Wand“ von Fatih Akin, an einer anderen Wand hängt eine Karikatur, die Mantel darstellt, über der Sitzecke baumeln Lebkuchenherzen, auf einem steht „Meiner Schatzmaus“.

45 Minuten haben die vier Politiker Zeit, danach müssen sie schnell in die Fraktionssitzung. Die Jungen können doch überhaupt nichts ausrichten in der alten Politik…

Da widersprechen alle, sie sind gekommen, um die alten Helden abzumelden. Sie sagen das nicht so direkt, aber sie sind gewappnet, kennen sich aus in ihren Fachgebieten. Sie halten Reden, diskutieren mit in den Ausschüssen, wo „man sich nur durchsetzen kann, wenn die Arbeit gut ist“. Sie sind nett, charmant, sehen schick aus und gründen Netzwerke. Dass die Junge Union viele Abgeordnete ins Parlament gebracht hat, macht sie stolz. Beim Gesundheitskompromiss in der eigenen Partei, sagt Dorothee Mantel, habe man zwei eigene Leute aus der Fraktion der Jungen in den entscheidenden Ausschuss geboxt. Das letzte Wort verrät, sie müssen sehr hart kämpfen, wenn sie in der Politik mitbestimmen wollen. Zu den 25 unter 35 Jahren, sagt Spahn, werden nach der Wahl noch ein paar hinzukommen. Und wenn man wollte und sich zusammenraufen würde, „besteht auch das Potenzial, Druck auszuüben“. Aber noch redet Spahn im Konjunktiv.

Und was sind ihre Prinzipien, wo wollen sie sich einmischen?

Sie wollen keine andere Gesellschaft, aber eine, die neu nachdenkt, „damit wir wieder Werte finden und nicht erleben müssen, wie ein Bundesland den Religionsunterricht abschafft und die Kirchen rausdrängt, damit wir wieder respektvoll umgehen mit Familie und unserem christlich-abendländischen Fundament“, sagt Mantel. – „Damit wir weniger nach Ideologie und eigener Klientel entscheiden, sondern danach, was das Beste für den Bürger ist“, sagt Melanie Oßwald. – „Damit wir wegkommen von einen Gerechtigkeitsbegriff, der nur auf Verteilen beruht und begreifen, dass Bildung Voraussetzung ist, um zur Gesellschaft zu gehören“, sagt Jens Spahn. – „Damit wir wegkommen vom Irrglauben, es würden allein durch mehr Geld und Betreuung mehr Kinder geboren“, sagt Stefan Müller.

Man hört heraus, hier sitzt geballtes Selbstbewusstsein am Tisch. Selten verirrt sich Nachdenklichkeit in die Runde, aber immerhin: Deutschland sei noch immer eines der reichsten Länder, wolle Wohlstandsgesellschaft sein, „aber die Städte und Kommunen können die Löcher in den Straßen nicht mehr stopfen, da passt was nicht zusammen“, sagt Spahn und gibt zu: „Dieser Widerspruch treibt mich um, weil ich ihn nicht gelöst bekomme. Sind unsere Wohlstandsillusionen falsch?“

Hat die Politik deshalb so viel Angst vor der Wahrheit?

Ja, sagt Spahn, weil „das System so ist“: Der Politiker müsse abwägen, wie seine Worte wirken, weil er nicht nur von einer Sache überzeugt sein, sondern auch die Menschen hinter sich bringen müsse. Sehr unentspannt das Ganze, finden die Jungen und versprechen, sich weniger zu verstellen. Zum Beweis haben sie sich einem Test gestellt. Ganz spontan:

Merkel ist …?

„Die Beste“, sagt Müller.

Schröders Leistung besteht darin …?

„Erkannt zu haben, dass es Zeit ist zu gehen“, sagt Mantel.

„Generationenkrieg oder Generationenpakt, Frau Oßwald?“

„Generationenpakt“

„Bundeswehr oder Berufsarmee, Herr Spahn?“

„Berufsarmee.“

„Pocher oder Gottschalk, Herr Müller?“

„Gottschalk.“

„H&M oder Peek&Cloppenburg, Frau Mantel?“

„Dolce&Gabbana.“

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