Werbinich : Die Vorklassen sind Geschichte

Was vor 36 Jahren mit großen Hoffnungen begann, wurde mit diesem Schuljahr abgewickelt. Jetzt sollen die Kitas einspringen

Susanne Vieth-Entus

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Kürzlich hat sich Heidi Peschel-Neumann richtig gefreut: Bei der Montagmorgenrunde in ihrer Vorklasse erzählte ein Kind, dass es am Wochenende in Schloss Sanssouci gewesen sei. „Normalerweise sehen meine Kinder türkische oder arabische Videos. Auch Horrorfilme sind darunter. Manchmal grillen sie mit ihren Eltern. Das war’s dann aber auch.“ Sanssouci war da eine echte Überraschung.

Als Heidi Peschel-Neumann vor 32 Jahren ihre Arbeit in der Hermann-Boddin-Grundschule antrat, waren Ausflüge mit den Eltern keine Besonderheit: Die Kinder waren häufig mit ihren Eltern unterwegs oder spielten mit ihnen „Mensch ärgere Dich nicht“. Videos waren noch gar nicht auf dem Markt. Alle sprachen deutsch. Aber damals wie heute war Neukölln-Nord soziales Problemgebiet. Und damals wie heute wollte man etwas gegen das Bildungsgefälle in der Stadt tun.

Angesichts der geringeren Abiturientenquote in den „Arbeiterbezirken“, wie das damals noch hieß, kamen die Schulpolitiker 1968 auf die Idee, Vorklassen einzurichten. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es lediglich „Schulkindergärten“. Die wurden nun aufgelöst und zum Schuljahr 1969/70 in Vorklassen umgewandelt. Ein Jahr später meldete der Tagesspiegel, dass es bereits 9000 Vorklassenkinder gebe und „mehr Vorschulklassen als in ganz Westdeutschland“.

Was mit großen Hoffnungen begann, wird in diesen Tagen abgewickelt: Wie im neuen Schulgesetz vorgesehen und bereits vor zwei Jahren politisch entschieden, soll die Arbeit der Vorklassen vollständig in die Kitas verlagert werden: Das Nebeneinander von kostenlosen Vorklassen und kostenpflichtigen Kitas war nicht mehr erwünscht. Auch die Vorverlegung der Schulpflicht auf fünfeinhalb Jahre diente als Argument. Die Vorklassenleiterinnen sollen künftig bei der Betreuung der Kinder im Hort helfen. Falls es die Zeit erlaubt, können sie in den Unterricht der ersten Klassen einbezogen werden. Weil noch nicht klar ist, ob das klappt, packen Heidi Peschel-Neumann und ihre Kollegin Barbara Langer jetzt ihre Arbeitsmaterialien zusammen und verstauen sie in Kartons. Nach den Ferien wird man sehen, was wird.

Viele Eltern haben in den vergangenen Monaten dagegen protestiert, dass ihre Vorklassenleiterinnen zu reinen Erzieherinnen „degradiert“ werden sollen. Sie erinnern daran, dass die Vorklassenleiter Fortbildungen besucht und sich auf die Vermittlung von „Deutsch als Zweitsprache“ spezialisiert hätten. Es sei schade, wenn dieses Potenzial verloren gehe. Diese Eltern glauben nicht, dass die Kitas diese Aufgaben übernehmen können.

„Die Kita ist kein Ersatz“, sagt auch Victoria Obeid, die ihr Kind in der Vorklasse von Barbara Langer betreuen lässt. Von ihren Geschwistern und Bekannten hat sie gehört, dass die Vorschularbeit in den Kitas oft zu kurz kommt: „Sobald eine Erzieherin erkrankt und Gruppen zusammengelegt werden müssen, findet keine Vorschularbeit mehr statt.“ An der Vorklasse gefällt ihr, dass die Kinder das Stillsitzen lernen und mit dem Schulgebäude vertraut werden. Bei Frau Langer hat ihre Tochter gelernt, bis zwölf zu zählen, ihren Namen zu schreiben, Mengen zuzuordnen und vieles mehr.

Wer in diesen Tagen zuhört, wie Barbara Langer mit ihren Kindern spricht und wie sie ihr antworten, kommt nicht auf die Idee, dass sie zu Schuljahresbeginn im August letzten Jahres kaum ein Wort Deutsch konnten. Sie hat das alles im Laufe dieses Jahres aufgebaut: Jeden Tag zwischen 7.30 und 13.30 Uhr.

Bildungssenator Klaus Böger (SPD) traut es den Kitas zu, diese Aufgabe zu übernehmen. Er verweist darauf, dass er die Kapazitäten für die Fortbildung der Erzieherinnen verdoppelt habe. Das Problem ist aber, dass nicht alle Eltern ihr Kind in eine Kita schicken wollen. Die Vorklassen waren besonders bei Ausländern beliebt, weil sie kostenlos waren. Neukölln hat bereits darauf hingewiesen, dass hunderte Vorschulkinder noch nicht für die Kita angemeldet sind. Wenn dies auch in anderen Bezirken der Fall ist – was erwartet wird – , kämen tausende Kinder im kommenden Jahr ohne Vorbildung in die Schule. Sofern sie kein Deutsch können, müssen sie von Februar bis Juni an einem verpflichtenden Deutschkurs teilnehmen.

Bildungssenator Böger kennt das Problem. Er hat wieder und wieder Elternbriefe auf Türkisch schreiben lassen, um auch diese Familien zum Besuch der Kindergärten zu motivieren. Sogar türkische Sportidole wurden von ihm aufgeboten, um die Kita-Werbetrommel zu rühren. Aber viele Väter halten es dennoch für besser, wenn ihre Kinder in der Familie bleiben. Es geht nicht nur ums Geld. Victoria Obeid, eine gebürtige Friedrichshainerin, erklärt, dass ihr muslimischer Mann auch deshalb gegen die Kita und für die Vorklasse war, weil er besondere Ansprüche an das Essen hat: Es reicht nicht, dass es kein Schweinefleisch gibt. Die Tiere müssen auch nach Vorschrift geschlachtet sein. Da es in der Vorklasse kein Essen gab, entstand hier kein Problem mit den strengen Vorschriften.

Frau Obeid weiß schon jetzt, dass sie auch ihr drittes Kind nicht in die Kita schicken wird. Aber immerhin spricht sie zu Hause deutsch. Andere Kinder haben es da schwerer: Sie sind ab sofort auf den Deutschkurs angewiesen, wenn ihre Eltern die Kitas meiden.

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