Werbinich : Die Weisheit mit Löffeln essen

An der Köllnischen Heide gibt es seit 30 Jahren eine Mensa. Die Lehrer wissen, worauf es ankommt

Ariane Bemmer

Am Tag, als DJ Freshfood in die Grundschule an der Köllnischen Heide kommt, ist ein Höllenlärm in der Mensa. DJ Freshfood ist eine Idee von Apetito, einer der Hand voll Firmen, die Essen in Schulen bringen. Was sie zu bieten haben, interessiert jetzt immer mehr Lehrer und Eltern. Denn Berlins Grundschulen stellen auf Ganztagsbetrieb um und müssen ihre Schüler mittags verpflegen.

Zur Freshfood-Aktion gehört, dass der Essensraum im Erdgeschoss der Schule bunt geschmückt ist, dass es vollwertiges und nachhaltiges Essen und laute Rapmusik gibt. Die Kinder stört es nicht. Sie sitzen an diesem Tag kurz vor den Sommerferien an ihren rechteckigen Tischen, schaufeln Spätzle mit Gemüse aus Güstrow und Putengeschnetzeltes in sich rein, knabbern aber den Salat mit uckermärkischen Gurken nur an. Selim aus der 6a sagt, dass ihr die Essenszeit in der Schule – es ist gerade 11.20 Uhr – zu früh ist. Da frühstücke man doch sonst.

Jens Ola von Apetito spitzt die Lippen und saugt den geeisten Nachtisch-Milchshake durch den Strohhalm. Köstlich, findet er. Und nur wenig Zucker drin, und kein Antioxidationsmittel, also sehr gesund. Einige Kinder holen einen zweiten Becher, Herr Ola guckt zufrieden. Man sei immer auf der Suche nach Dingen, die Kindern schmecken, sagt er.

An der Grundschule an der Köllnischen Heide in Neukölln werden die Kinder schon seit 30 Jahren von acht bis 16 Uhr betreut, inklusive Verpflegung. Früher wussten die Schüler, dass Kühe keine Eier legen und Ananas keine Scheibe mit Loch ist. Sie kannten regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, bekamen morgens ein Frühstück und konnten mit Messer und Gabel essen. Das ist vorbei.

Astrid-Sabine Busse leitet die Grundschule seit 1992. Eine engagierte Frau, 46 Jahre alt, die sich an ihrer Schule mit den 90 Lehrern und Erzieher und 650 Schülern wohl fühlt. Jetzt steht sie mit Herrn Ola in der Mensa und hält sich die Ohren zu. Dass man bei so einem Krach essen kann! Aber sonst ist sie froh über die Aktion von Apetito. Die würden sich Mühe geben. „Wir haben schon ganz anderes erlebt“, sagt sie. Kübelessen von Großküchen, die nachts kochen und mittags mit stundenlang warmgehaltenen Mahlzeiten ankämen. Mit zerkochtem Gemüse, fettem Fleisch oder Obst aus der Dose. „Grauenhaft“ für die Schüler, die oft regelrecht ausgehungert sind, wenn sie ihr Essen kriegen – für viele die einzige warme Mahlzeit am Tag.

„Über die Jahre haben wir uns rangetastet“, sagt Astrid-Sabine Busse. Jetzt wüssten sie, worauf man bei einer Ausschreibung für Verpflegungsleistung achten muss: dass Obst und Gemüse frisch sind, dass keine Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel verwendet werden, dass 80 Essenskomponenten nicht viel sind – Apetito hat 420 –, dass man Sonderessen für Allergiker oder Moslems anfragen muss, dass der Anbieter so flexibel sein sollte, dass er nicht bei 30 Grad Hitze stur Kassler auftischt. Und das Personal muss freundlich sein.

Apetito kommt mit vorgekochtem und tiefgekühltem Essen an die Schule, wärmt es in so genannten Hochleistungskonvektomaten auf, Salate und Nachspeisen werden in der Küche zubereitet, die die Schule seit 30 Jahren hat. Rund 40 Euro zahlen die Eltern dafür im Monat. Morgens wird durchgezählt, ob jemand fehlt, damit nicht zu viel gemacht wird.

Bei Selim am Tisch fehlt heute keiner. Die Kinder essen immer mit einer Erzieherin in denselben Gruppen an denselben Tischen. Die Schüler sagen, dass ihnen das Essen schmeckt. Aber Begeisterung löst es nur selten aus. Ihr Lieblingsessen? Pizza!, rufen alle. Oder Nudeln oder Döner. Weiter reiche die Fantasie selten. Schlimm, nicht?, findet die Schulleiterin. Aber die Kinder könnten nichts dafür. Es werde ihnen nicht anders vorgemacht. „Hier haben wir eine Regel: Alles wird probiert.“ Nur Salat sei heikel. Für den wirbt sie manchmal durch die Sprechanlage, über die sie alle Klassenzimmer erreicht. Das funktioniert, sagt sie und lacht, aber eigentlich findet sie das Thema nicht lustig. „An Montagen ist der Hunger am schlimmsten“, sagt sie, weil die Kinder am Wochenende nicht genug essen.

Die erste Gruppe ist fertig, diejenigen, die Tischdienst haben, tragen das Geschirr ab. Immer sieben Klassen passen in die Mensa, um 13.15 Uhr sind die letzten dran. Anders lasse sich das nicht organisieren. Draußen auf dem Hof wartet Mona. Ob ihr das Essen geschmeckt hat? Ja. Jedenfalls die Nudeln. Aber nicht das Grüne. Wie heißt das noch? fragt sie.

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