Werbinich : Die Wochenend- Junkies

Voll gut drauf: Partys und Drogen gehören für die heutige Jugend zusammen. Popstars leben den Exzess vor

Ric Graf,Nana Heymann
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Nur für den Kick, für den Augenblick. Vor allem am Wochenende greifen viele junge Leute beim Feiern zu Kokain - so wie im Film...Foto: promo

Das Geschäft läuft wieder mal gut, sagt Toni. Es ist Samstagabend, er macht seine übliche Runde durch seinen Stammclub. Während andere feiern, arbeitet er. Toni ist Dealer, 23 und immer zur Stelle, wenn jemand etwas braucht. Zum Beispiel für das Mädchen, das vielleicht 18 ist und ihm Geld für ein Koksbriefchen zusteckt. Oder für den Jungen, der nur unwesentlich älter ist und ihm noch mehr Scheine in die Hand drückt. Alles passiert ganz offen, denn Drogen gehören zu Berlin wie die urbanen Penner, das Becks-Bier auf der Warschauer Brücke und Knut.

Wie viel verdient Toni pro Abend? „Sage ich nicht. Ich rede nicht über meine Bilanz.“ Er schreit gegen die elektronische Musik an, die aus den Boxen dröhnt. Toni hat keinen Ausbildungsplatz gefunden und „dann gute Freunde gehabt, die mich vom Dealen überzeugt haben“. Ist es ihm egal, ob die Leute, die seine Drogen kaufen, abhängig werden, sich selbst gefährden? „Es ist noch nie etwas passiert“, sagt er. Skrupel kennt er nicht, Geld ist ihm wichtiger als Moral. Er selbst nehme keine Drogen, sagt er. Und zieht dann kräftig an einem Joint.

Szenenwechsel. Lars sitzt im Café und trinkt Kaffee. „Ich habe das ganze Wochenende durchgemacht. Wir sind von Club zu Club gezogen und haben den Sonntag auf einer privaten After-Hour verbracht“, erzählt er. Montags habe er dann den ganzen Tag geschlafen. Lars studiert Philosophie und Kunstgeschichte. Er ist 21. Was für Drogen er nimmt? „Speed und Pillen.“ Mit Pillen meint er Ecstasy. „Und an Silvester Koks, wenn ich Geld von meiner Oma bekommen habe.“ Er hat eine Freundin und kann sich durch Jobs und Bafög eine kleine Wohnung in Kreuzberg leisten. Und Drogentrips am Wochenende. Lars ist kein Junkie, wie man sie aus dem Bestseller „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ kennt, er ist ein Wochenend-Junkie. Macht er sich Sorgen deshalb? „Nein. Ich schaff’ doch alles.“

Lars bestellt sich ein Bier und raucht Kette. Lars macht einen nervösen Eindruck, aber alles ist ja „vollkommen okay“. Er trinkt sein zweites Bier. „Weißt du, ich nehme Drogen nur um am Wochenende Spaß zu haben. Ich will kein Junkie werden.“ Als er diese Worte sagt, merkt man ihm seine eigene Unsicherheit an. Er weiß um die Gefahr, will sie aber nicht wahrhaben – typisch für Drogenfresser. „Ich komme klar! Ich habe kein Drogenproblem!“ Sätze wie diese hört man sie immer wieder sagen. Doch wie schmal der Grat ist, auf dem Wochenend-User wandeln, weiß Lars selbst auch: „Ein Freund von mir ist abgestürzt. Er hat alles verloren: Freundin, Job, Wohnung. Er musste wieder bei seinen Eltern einziehen und neu starten.“

Heute nehmen junge Menschen keine Drogen mehr wie damals die Kinder vom Bahnhof Zoo. Kein Heroin. Kein Totalabsturz. Es gibt eine neue Sehnsucht nach Klarheit und Durchhaltevermögen. Und das versprechen Kokain, Speed und Ecstasy. Das Eintrittsalter liegt laut einer Studie des Landes Berlin bei 17 Jahren. Die Journalisten Adriano Sack und Ingo Niermann widmen sich in ihrem kürzlich erschienen Buch „Breites Wissen“ dem veränderte Suchtverhalten der heutigen Jugend. Sie beschäftigen sich mit dem Thema Drogen, das so omnipräsent ist in den Metropolen dieser Welt ist. Das Fazit der beiden: Die Leute gönnen sich am Wochenende eine Art Kurzausflug mit Drogen. Und gehen montags wieder ins Büro, in die Uni oder zur Schule. Vielleicht sind sie noch etwas unfit, aber spätestens Dienstag funktionieren sie wieder.

Prominente spielen beim Konsum von Drogen keine unwesentliche Rolle. Die Schwächen der Schönen und Reichen interessieren die Öffentlichkeit mehr als Biografien, die frei von Verfehlungen sind, meint Adriano Sack. Es ist aber auch zu verführerisch. Woche für Woche drucken Dutzende Zeitungen Fotos der Stars bei ihren Abstürzen. Pete Doherty wankt mit umnebelten Blick durch die Straßen Londons. Amy Winehouse prügelt sich mit ihrem Mann im Drogenrausch, bis Blut fließt. Und Kate Moss sah auf den Bildern, die sie beim Koksen in einem Musikstudio zeigen, mindestens ebenso lässig aus wie in ihren Anzeigenkampagnen. Sie war es auch, die Anfang der 90er Jahre den „Heroin Chic“ salonfähig machte. Dass sie eines Tages tatsächlich zu Drogen greift, scheint deshalb nur konsequent.

„Live fast, die young“, so lautet ein zeitloses Mantra der Popkultur. Deren prominenteste Vertreter leben den totalen Exzess öffentlich vor – und werden dafür von ihren Anhängern um so mehr verehrt. Bevor Amy Winehouse durch ihren ausschweifenden Lebensstil auf sich aufmerksam machte, war sie nur eine von vielen Sängerinnen. Nachdem sie sich aber kurzzeitig in eine Entzugsklinik einweisen ließ, verkaufen sich ihre Platten besser denn je. Und auch die Karriere von Kate Moss bekam nach ihrem Kokain-Skandal einen kräftigen Schub.

Normalsein ist eben langweilig, das kann jeder. Die Kontrolle über seinen eigenen Körper für eine Zeit zu verlieren, sich mit vermeintlich leistungssteigernden Mittelchen dem pulsierenden Rausch hinzugeben, erfordert hingegen schon gewissen Mut. Den kann man bei Freunden vor allem am Wochenende unter Beweis stellen. Und wem Koks und Speed zu langweilig sind, der greift zur Abwechslung eben zu anderen Mitteln. Gern auch auf Rezept. Denn auch der Missbrauch von Medikamenten hat bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. Besonders beliebt sind Ketamin, Ritalin und Tilidin, die sich die Konsumenten meist mit gefälschten Rezepten beschaffen.

Mittel wie diese verkauft Toni nicht. Zu kompliziert. Sein Handy klingelt. „Ich muss weg.“ Für seinen treuesten Kunden fährt er quer durch die Stadt. „Wenn das Geschäft läuft, bin ich manchmal bis Sonntagmittag unterwegs.“ Dann kommt er auf private Drogenpartys, die Clubleichen veranstalten, um noch nicht Schluss zu machen. Andere brunchen zur selben Zeit. Dann klingelt das Handy wieder. „Soll ich zu dir nach Hause kommen? Gut, bin gleich da.“ Wie alt seine Kunden sind? „Die meisten zwischen 20 und 30.“ Und wie nennt Toni seine Kunden? „Junkies, wie denn sonst.“

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