Werbinich : Drei Generationen, drei MalAbitur Leser Wolfgang Stapp über Reifeprüfungen

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Vor kurzem feierte meine Enkelin ihr Abitur im Gymnasium zum Grauen Kloster. Da erinnerte ich mich an mein eigenes Abitur. Damals gab es nichts zu feiern. 1945 machten wir ein „Notabitur“. Zwei Jahre zuvor waren wir Schüler als Luftwaffenhelfer eingezogen worden. Seitdem fuhren wir jeden zweiten Tag von der „Stellung“ in die Schule.

Fächer wie Kunst und Musik standen schon seit Jahren nicht mehr auf dem Stundenplan, er beschränkte sich auf die Hauptfächer, in meinem humanistischen Gymnasium waren das Latein, Griechisch, Deutsch und Mathematik. Wir hatten zwar die Grundzüge der jeweiligen Sprache gelernt und auch die Grundbegriffe der Mathematik. Was aber die Oberstufe interessant macht, der Umgang mit der Sprache, anspruchvolle Lektüre, wurde uns vorenthalten, was sich später bemerkbar machte – die HumboldtUniversität erkannte das Notabitur nicht an. Also ging ich noch mal zur Schule und legte im Sommer 1947 zum zweiten Mal das Abitur ab, diesmal in sieben Fächern. Es war der heißeste Tag des Jahres, die Prüfung dauerte bis 14.30 Uhr. Dass wir hinterher gefeiert hätten, daran kann ich mich nicht erinnern.

Die Reifeprüfung meiner ältesten Tochter 1971 verlief auch nicht gerade unter friedlichen Umständen. An der Paulsen-Oberschule hatte es ein Jahr zuvor einen Streit zwischen einer Schülerin und dem Direktor gegeben, der eskalierte. Die Meinungen waren geteilt, zum Teil siebenstündige Elternversammlungen endeten ohne Ergebnis. Den Höhepunkt bildete ein Schulstreik – etwas nie Dagewesenes. Ein junger Schulrat handelte schließlich eine Art „Waffenstillstand“ aus, aber der Streit färbte doch die Beurteilung der Leistungen der Schüler beim Abitur.

Die zweite Tochter machte 1976 Abitur. Die Lehrpläne in Deutsch legten mittlerweile nicht mehr ihren Schwerpunkt auf klassische Literatur, sondern auf „Randgebiete“ wie Zeitungslektüre. Als ein Lehrer einen Arbeitskreis „Marxismus“ gründen wollte, verweigerte ihm der Rektor den Raum. Als wir ihm unser Haus für die Zusammenkünfte anboten, bekamen wir Besuch vom Direktor.

Die Umstände, unter denen meine Enkelin Abitur gemacht hat, erscheinen mir geradezu paradiesisch und lassen hoffen, dass die Kinder mit einem soliden Grundwissen ins Leben entlassen werden und mit der Fähigkeit, dieses Wissen zu nutzen.

Wolfgang Stapp ist 78 Jahre alt und leitet den Stapp-Verlag, der Bücher zur Berlin-Brandenburgischen Geschichte und zu Preußen veröffentlicht.

Wolfgang Stapp (78) absolvierte 1945 das „Notabitur“, das die Universität aber nicht anerkannte. Er kehrte in die Schule zurück und bestand ein Jahr später die Prüfung noch mal.

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