Werbinich : Duschen gefährdet Ihre Gemeinschaft

Die Festival-Saison beginnt – wie überlebt man sie? MTV-Veteran Markus Kavka sagt: Waschen ist tabu

-

These 1: Auf Festivals kann man sich gar nicht peinlich benehmen.

Stimmt, eine Hemmschwelle für Peinlichkeit existiert nicht. Auf Rock am Ring 2002 ist mir selbst mal etwas Unangenehmes passiert. Da wurde mir eine Substanz aus einem Trinkschlauch angeboten, die Bier sein sollte, vielleicht Apfelschorle war, aber keinen Kohlensäuregehalt mehr besaß und undefinierbar schmeckte. Die Leute haben sich geweigert mir zu sagen, was es war. Gelb, trüb – ich habe da so eine schlimme Befürchtung.

These 2: Jungs duschen sich nie.

Nie wäre übertrieben, aber sehr, sehr selten kommt der Wahrheit nahe. Richtige Rocker haben kein Problem, mal vier Tage nicht zu duschen. Und ehrlich: Es hilft doch kaum. Man steht die ganze Zeit inmitten einer Horde, die stinkt. Das fällt höchstens unangenehm auf, wenn man geduscht hat. Man wird sofort geächtet.

These 3: Auch Mädchen lassen ihre gute Erziehung zu Hause.

Bei Rock am Ring gibt es in den Umbaupausen einen Volkssport. Wenn die Kamera durch das Publikum geht, zeigen viele Frauen ihre Brüste. Da stelle ich manchmal Ästhetik genauso in Abrede wie bei Bierbäuchen. Außerdem bin ich erschüttert, wie viele hübsche Mädchen plötzlich zu Regina Halmich werden. Ich habe mal zwei ganz zarte Indie-Mädchen auf einem Festival gesehen, die einen Typen richtig verdroschen haben. Das sind Szenarien, die würden ja nicht mal in einer Disko um die Ecke passieren.

These 4: Mitsinger gehören bestraft.

Definitiv. Es heißt „Wer nicht mitsingt, ist eine Spaßbremse“, aber meiner Meinung nach sind die wahren Fans die stillen Genießer. Vor zwei Jahren haben Tomte bei Rock am Ring gespielt. Da haben viele Betrunkene die Lieder mitgesungen – in denen der Sänger Thees Uhlmann viel von sich preisgibt und in schöne Worte verpackt. Den Kontrast zwischen den intimen Texten und dem Gegröle fand ich erschütternd. Also, bitte alle Geräusche für die Pausen aufheben!

These 5: Kiffen gehört irgendwie dazu.

Ja. Viele Jugendliche befinden sich dann in so einer Zeltlager-Stimmung – weit weg von den Eltern und besonders von den Lehrern. Ich kenne kein Festival, auf dem ich nicht ständig durch süßliche Rauchschwaden laufe. Obwohl sehr stark kontrolliert wird. Auf den Zufahrtswegen zu Rock am Ring oder zum Melt-Festival werden ganze Parkplätze zu Drogen-Filzplätzen umfunktioniert. Das geht bei Verdachtsmomenten bis hin zu Ganzkörper-Kontrollen. Trotzdem habe ich nicht bemerkt, dass jemals Engpässe in der Haschisch-Versorgung bestanden.

These 5: Nur Deppen fahren mit ihrem Neuwagen zum Festival.

Man sollte sich extra für die Festival-Saison einen 30 Jahre alten VW-Bus kaufen. Der bietet Platz für 20 Leute, wenn es hart auf hart kommt. Da kann man die Ravioli-Büchse auf dem Sitz auskippen oder den Fußball gegen die Tür dreschen, ohne dass man gleich heulen muss. Wenn man aufs Gelände fährt, muss man durch einen Riesenmob durch, für den man in einem nagelneuen und frisch polierten Wagen automatisch „der Arsch mit dem Auto“ ist. Spucken ist dann noch harmlos, da kann auch eine Bierflasche anfliegen. Also: Auch wenn man gerade seinen Führerschein gemacht hat, wahnsinnig stolz auf seinen VW Lupo ist, wird man am Ende froh sein, den Neuwagen zu Hause gelassen zu haben (Papas Kombi ist auch tabu!).

These 6: Die Toiletten funktionieren nie.

Für Leute, die über den gesamten Festival-Zeitraum arbeiten, gibt es Container-Toiletten. Am ersten Tag sehen sie noch okay aus, aber garantiert danach ist der Abfluss schon verstopft. Dann kann man sich zwischen ekligem Dixi-Klo oder dem Container entscheiden. Aber im Container muss man vorher Bierkästen auslegen, weil das Wasser knöcheltief steht. Die Deluxe-Variante ist das Hotelzimmer am Gelände. Aber man sollte das niemandem erzählen. Es spricht sich zu schnell herum. Ich hatte teilweise zehn Leute, die meine sanitären Anlagen mitbenutzt haben.

These 7: Am zweiten Tag spielt Musik nur noch die Nebenrolle.

Ja, da gibt es eine neue Form des Festival-Tourismus. Viele Leute reisen an, ohne eine einzige Band zu sehen – weil auf dem Campingplatz auch für genügend Spaß gesorgt wird. Sie haben eine Anlage und einen Generator dabei, darauf läuft drei Tage lang AC/DC, Metallica oder Die Toten Hosen, dann ballern sie sich weg und schauen, dass auch zwischenmenschlich etwas geht. Viele nehmen sich vor, bestimmte Bands mal anzusehen. Aber erfahrungsgemäß klappt das nie.

These 8: Wenn man beim falschen Konzert ist, ist man verloren.

Oh ja, man sollte sich sehr gründlich überlegen, in die ersten Reihen zu gehen. Das muss eine Band sein, die man echt gerne mag. Und wenn man schon um 18 Uhr hingeht, um den Headliner um 22 Uhr zu sehen, sollte man Toleranz für die Bands davor und genügend Wasser mitnehmen. Vor mehr als zehn Jahren war ich mal bei Faith No More – ganz vorne, kam danach aber nicht mehr raus, weil die ganzen Guns’n’Roses-Fans anrollten. Da ich nicht so groß gewachsen bin, bin ich zu Boden gegangen. Zum Glück hat mich die Security rausgeholt.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben