Werbinich : „Ei hew dan“ statt „I have done“ – dafür gab es eine Fünf

Leser Siegmar Reichert wechselte von der SBZ in die britische Zone, von Russisch zu Englisch

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Im Mai 1949 standen meine Eltern und ich vor einem ehrwürdigen Herrn mit grauem Bart. Wir waren gerade aus der „sowjetischen Besatzungszone“ nach West-Berlin übergesiedelt, ich sollte nach fünf Schuljahren im Osten nun in die „Oberrealschule und Reformrealgymnasium“ in Steglitz eingeschult werden, die heutige Hermann-Ehlers-Schule. Durch den Systemwechsel musste ich allerdings ein Jahr überspringen. Mein Jahr Russisch nutzte mir nichts, meine zukünftigen Klassenkameraden hatten schon zwei Jahre Englisch. Der Schuldirektor nahm mich trotzdem auf.

In den Wochen bis zu den großen Ferien verstand ich in meiner neuen Klasse oft nur Bahnhof. Am katastrophalsten war es in Englisch und Mathematik. Der Lehrer verlangte, dass ich trotz totaler Null-Kenntnisse jedes Englischdiktat ab sofort mitschrieb. Wenn er sagte „I have done“, schrieb ich „Ei hew dan“ – das, was ich eben hörte. Unter den Diktaten fand ich dann Ausdrücke seiner vollkommenen Verwunderung: „Fehler nicht zu zählen, völlig unmöglich, absolut Fünf“. Kein Wort darüber, dass ich statt Englisch doch Russisch gelernt hatte. Heute frage ich mich: Wie viele Stunden Psychologie hatte ein Lehrer damals während seines Pädagogik-Studiums überhaupt gehört?

Meine Mutter ersetzte seine pädagogische Uneinsichtigkeit und ging meine Lücken in den großen Ferien im Selbsthilfeverfahren methodisch an. Sie nahm das bisherige Englischbuch meiner Klasse, „Peter Bim and Billy Ball“, das 24 Lektionen umfasste, und lehrte mich alle zwei Tage eine Lektion daraus – mit Erfolg. Unter der ersten Klassenarbeit nach den großen Ferien stand ein „Gut“.

Das zweite Riesenproblem hieß „Mathe“. Meine Mutter drückte mir unser Mathematikbuch in die Hand und schickte mich zu unserem Mathematiklehrer. Er sollte alles anstreichen, was ich nachholen müsste und mir einen guten Mathematikschüler aus einer höheren Klasse empfehlen. Trotz dieser Bemühungen wurde ich nicht gerade ein Mathe-Ass, aber mein treuer Banknachbar half mir dank seiner großen Schrift immer wieder aus der Verlegenheit. Ab und an konnte ich mich dafür revanchieren, wenn es um Klassenarbeiten in sprachlichen Belangen ging.

Diese natürliche Synergie übten wir volle sieben Jahre. 1956 war ich in West-Berlin der Einzige des Jahrgangs 1938, der das Abi machte.

Wir Schüler hatten damals oft mit Problemen zu kämpfen, die heutigen Jugendlichen kaum begreiflich sein werden. So musste man am Ende eines Schulheftes immer kleiner schreiben, weil einem die Mutter die 20 Pfennige nicht geben konnte, um rechtzeitig ein neues Schreibheft zu kaufen. Andererseits hatten wir es sehr viel leichter, eine Lehrstelle zu finden. Kurz nach dem Abitur lasen meine Eltern in einer Zeitungsanzeige, dass die Firma Sarotti einen Lehrling suchte. Meine Mutter stellte mich dem Personalchef vor, von Zeugnissen war keine Rede, am nächsten Tag konnte ich anfangen.

Aufgezeichnet von Claudia Keller.

Siegmar Reichert ist 69 Jahre alt, studierte nach seiner Lehre Betriebswirtschaft, arbeitete unter anderem als Geschäftsführer der Zahnärztekammer in Berlin und als Unternehmensberater.

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