Werbinich : Ein Herz für Lehrer

Anneliese Lange gab von ihrer Schulspeisung ab

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Im Herbst 1940 ergab sich für meine Eltern die Möglichkeit, ihre Tochter von Berlin aufs Land zu schicken – weg von Fliegeralarmen. So verbrachte ich das Winterhalbjahr auf einem Rittergut in Hinterpommern. Über meine neue Schule wunderte ich mich sehr: In einem abgelegenen Häuschen wohnte in der oberen Etage das Lehrerehepaar, während der größere Raum im Erdgeschoss das Klassenzimmer war. Morgens heizte die Lehrersfrau den dicken Kachelofen, nachdem die großen Jungen das Heizmaterial herbeigeschleppt hatten. Er war wohl ziemlich heiß, denn als ich mich einmal in der Pause an ihm wärmte, brannte die heiße Ofenklappe ein Loch in mein schönes, von Mutter gehäkeltes Kleid.

Die etwa 30 Schüler zwischen 6 und 14 Jahren rekrutierten sich hauptsächlich aus den kinderreichen Arbeiterfamilien von unserem und dem Nachbargut. Auf jeder langen Bank saß etwa ein Jahrgang – rechts die Jungen, links die Mädchen. Mit meinen zwei Altersgenossinnen und den drei Jungen jenseits des Ganges bildeten wir die Mittelstufe. Manchmal durfte ich – eigentlich ganz modern – mit den Kleinen lesen üben, während meine Mittelstufe einer Stillbeschäftigung nachging. Unser Lehrer hatte einen langen Stock, und mir wurde immer richtig schlecht, wenn er damit einen der Jungen verdrosch. Die Pause verbrachten wir bei gutem Wetter auf dem Hof, wo der Brunnen stand. Zur Wasserversorgung des Lehrers betätigten wir dann den riesigen Pumpenschwengel, immer mehrere Kinder zugleich, während die Großen die vollen Eimer in die Küche trugen. So viel Neues gab es damals für das neunjährige Großstadtkind. Ich habe diese Zeit nie missen mögen. Aber wenn ich jetzt zurückdenke, frage ich mich, was wohl vier Jahre später aus meinen Schulgefährten und -gefährtinnen geworden sein mag, als die Russen kamen. Das Gut existiert auf aktuellen Landkarten nicht mehr – nur das Nachbargut.

1946 kam ich nach Berlin zurück, in den russisch besetzten Sektor. Die letzten drei Jahre bis zum Abitur verbrachte ich auf einer Oberschule, die einen leichten Bombenschaden erlitten hatte. Der Unterricht war ziemlich eingeschränkt, es gab weder einen Physik- noch einen Chemieraum mehr, so dass ich nie einen derartigen Versuch erlebt habe. Es gab auch keine Bücher zum Unterricht, denn neue waren noch nicht gedruckt, und die aus der Nazi-Zeit durften nicht verwendet werden. So bestand der Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern darin, dass uns die Lehrerin aus einem alten (verbotenen) Buch den Text diktierte und die Versuche eben an die Tafel malte. Es gab auch nur uralte Möbel, und an der Holzbank habe ich mir manchmal den Strumpf zerrissen. Aber es gab Schulspeisung! In der großen Pause wurde Suppe ausgeschenkt, die zwar nicht immer schmeckte, aber wir waren ja ziemlich hungrig. Die Lehrer bekamen allerdings nichts davon. Ab und zu machten wir unserer recht betagten und mageren Klassenlehrerin eine Freude, indem wir reihum jeder ein paar Löffel Suppe in ein Gefäß abfüllten. Es war ihr zwar etwas peinlich, aber sie aß die Suppe mit Behagen.

Anneliese Lange ist 75 Jahre alt und lebt in Spandau. Nach ihrer Schulzeit in Pommern und Berlin hat sie studiert und als Diplom-Psychologin gearbeitet. Heute ist sie Rentnerin.

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