Werbinich : Ein Schulbuch überschreitet Grenzen

Deutsch-französisches Lehrwerk erschienen

Anne Haeming

Auf dem einen Bild prosten sich Gerhard Schröder und Jacques Chirac in Bierlaune zu. Auf dem anderen stehen Helmut Kohl und François Mitterand, ganz ernst und Hand in Hand in Verdun. Die deutsch-französischen Staatspaare illustrieren den Wandel der deutsch-französischen Beziehungen, der dazu geführt hat, dass jetzt das erste deutsch-französische Geschichtsbuch erschienen ist. Die Bilder kann man im fünften Kapitel des neuartigen Schulbuchs studieren.

Es ist das erste reguläre Geschichtsbuch, das deutsche und französische Autoren gemeinsam erarbeitet haben, herausgegeben vom Stuttgarter Ernst Klett Verlag und vom Verlag Nathan in Paris. Ab 2007 werden Oberstufenschüler in Deutschland und Frankreich gleichermaßen mit dem neuen Standardwerk für ihre Klausuren über die Nachkriegszeit büffeln.

Das Buch „Histoire/Geschichte – Europa und die Welt seit 1945“ basiert auf einer Idee des deutsch-französischen Jugendparlaments. Die Schüler regten Anfang 2003 zum 40. Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages an, ein gemeinsames Lehrwerk mit identischen Inhalten für beide Länder zu erarbeiten, im Januar 2005 nahm ein deutsch-französisches Team seine Arbeit auf. „Es ist kein Projekt, das sich Politiker im stillen Kämmerlein ausgedacht haben“, sagte der deutsche Herausgeber Peter Geiss, „es kommt von der Basis“. Geiss selbst unterrichtet an einem Gymnasium in Bonn mit deutsch-französischem Zweig Geschichte.

Die fünf Kapitel befassen sich unter anderem mit den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg oder dem Verhältnis der beiden Nationen seit Kriegsende. Die unterschiedlichen Perspektiven spielten dabei eine zentrale Rolle, sagte Geiss. „Indem wir die beiden Sichtweisen nebeneinander stellen, wollen wir nationale Gewissheiten aufbrechen.“ Das zeige sich bei den Haltungen gegenüber den USA, aber auch beim Thema Wirtschaftswunder: Im Kontext der französischen Nachkriegsära erscheint der Aufschwung nun nicht mehr als „typisch deutsch“, sondern als Teil eines transnationalen Phänomens.

„Vor 50 Jahren hätte es ein solches Projekt nicht gegeben“, sagt Peter Geiss. Das Buch ist für ihn ein handfestes Ergebnis von 40 Jahren Aussöhnung. Das ist auch der Grund dafür, warum die jüngste Geschichte als Band drei zuerst erschienen ist. Die ersten beiden Bände werden sich mit der Zeit von der Antike bis 1945 befassen und sollen bis 2009 erscheinen.

Dass die Bände unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema zeigen, sei ein Vorteil, sagt Geiss. „Sie ergänzen sich gegenseitig.“ Auch die unterschiedlichen Unterrichtsmethoden spiegeln sich in den Unterrichtsmaterialien: mehr eigenständiges Arbeiten und Förderung zur eigenen Haltung hier, klarere Strukturen, Anleitung sowie mehr größere Bildquellen und farbigeres Layout dort. „Histoire/Geschichte“ wirke wie eine ideale Mischung dieser Elemente, findet der deutsche Herausgeber. „In deutschen Schulbüchern wird umfassende Information manchmal mit unstrukturierter epischer Breite verwechselt. Wir haben auf Einzelbeispiele gesetzt, die die Schüler auch geistig durchdringen können.“ Diese Herangehensweise sei auch auf andere Länderpaare übertragbar.

Vor allem Japaner und Koreaner zeigen großes Interesse: Sie wollen das binationale Geschichtsbuch als Modell auf ihre eigene Situation übertragen und so zur Versöhnung beitragen. Geiss ist skeptisch. Aus europäischer Sicht lasse sich schwer beurteilen, wie weit diese Länder auf dem Weg der Versöhnung seien. So etwas wie das Klett-Buch kann seiner Meinung nach nur Ergebnis eines Aussöhnungsprozesses sein, ihn aber weder ersetzen noch auslösen. Dass Austausch auch heißt, Übersetzungsprobleme zu akzeptieren, zeigt spätestens das Glossar auf der dazugehörigen CD-Rom: Das Wort „Feindbild“, werden die Schüler lernen, gibt es im Französischen gar nicht erst.

„Histoire/Geschichte – Europa und die Welt seit 1945“. Ernst Klett, Leipzig 2006. 336 Seiten, 25 Euro.

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