Werbinich : Eine sentimentale Reise

Bei der Abifahrt wächst zusammen, was sich nicht gehört. Ein Veteran packt aus

Christoph Koch

Und dann ist es plötzlich vorbei. Geschafft. Das Abi, es ist um. Fast vergessen die hektisch zusammengetrommelten Lerngruppen, die sich unpraktischerweise immer im Biergarten trafen. Längst verschmerzt die schlechte Bionote und die drangsalierenden Fragen der dazugehörigen Lehrerin. Alles egal plötzlich, jetzt ist es ja geschafft. Wörter wie Attestpflicht, Freistunde oder Kollegstufenzimmer klingen plötzlich nach einem anderen, früheren, weit entfernten Leben. Die ersten äußern ihre Pläne. Psychologie in Freiburg. Als Au-pair nach Paris. Zivildienst an der Nordsee. Es wird unruhig und die Luft fängt an zu brausen. Doch bevor alles auseinander fliegt, fährt man noch einmal zusammen weg: auf Abifahrt.

Die Rollenverteilung ist klar: Der Typ, der sich immer um alles kümmert, kümmert sich auch dieses Mal und besorgt eine Hütte oder ein Naturfreundehaus oder eine ähnlich billige Massenunterkunft. Die Jungen kaufen Bier, und drei Zentner Miracoli, die Mädchen Sekt und moderne Brotaufstriche. An Salz oder Klopapier denkt niemand. Aber das ist egal, wozu gibt es Tankstellen in der Nähe? Auch diejenigen, die nicht mitfahren, stehen schon von vornherein fest. Die beiden Jungs, die auch zum mündlichen Abitur noch in den Klamotten gekommen sind, die ihnen ihre Mütter gekauft haben – weil sie wissen, dass sowieso alle über sie lachen, und niemand mit ihnen im Zimmer sein will. Die drei Mädchen, die sich ihre Klamotten schon ihr ganzes Leben lang selbst kaufen und die mit ihren älteren Freunden lieber nach London oder Ibiza fliegen – weil dort die besseren Partys sind. Und der eine Typ mit dem guten Abi, der eine vorgezogene Einberufung beantragt hat – weil er danach sein Jurastudium ein Semester früher beginnen kann. Am ersten Tag wird noch über die Zuhausebleiber gelästert, am zweiten sind sie bereits von allen Anwesenden vergessen.

Es gibt schließlich auch Wichtigeres zu tun: Den Grill anfachen, Frisbeescheiben hin- und herwerfen, Holz für ein Lagerfeuer sammeln, Rundlauf an der Tischtennisplatte aus Stein spielen, die hinter dem Haus steht. Zigaretten und andere Sachen rauchen und in der Sonne liegen und reden, auch mit Leuten, mit denen man das „während der Schulzeit“ nie getan hat. Sich die Zukunftspläne der anderen anhören und selbst, wenn man diese Pläne komplett bescheuert findet, insgeheim zumindest ein bisschen neidisch darüber sein, dass die anderen zumindest welche zu haben scheinen. Eine kurze Panikattacke wird mit zwei großen Bier runtergeschluckt. Wie genau manche schon zu wissen scheinen, was ihre Bestimmung ist. Wozu sie auf der Welt sind – oder zumindest, wie das mit dem ersten eigenen Telefonanschluss läuft.

Abends wird es spannend, denn im Gegensatz zu den Klassenfahrten, ist diesmal kein Lehrer anwesend, der auf eine geregelte Bettruhe achtet, oder darauf, dass Jungs und Mädchen jeweils in ihren eigenen Betten ruhen. Vielleicht hat aber auch genau die Heimlichkeit, das Schleichen und Verstecken und die Angst vor dem Erwischtwerden einen gewissen Reiz ausgemacht. Der Reiz des Verbotenen wird auf der Abifahrt jedoch von einem anderen, mindestens ebenso großen Reiz ersetzt: Dem Reiz des Vergänglichen. Wann, wenn nicht jetzt, soll man ausprobieren, ob der Typ aus der Parallelklasse wirklich so gut küsst, wie alle Mädchen dort behaupten? Wann, wenn nicht jetzt soll man all seinen Mut zusammennehmen und sein Glück bei dem Mädchen versuchen, in das man drei lange Jahre unglücklich verliebt war – nur weil sie einem in der siebten Klasse beim Völkerballspielen die Nase blutig schoss und einem danach so sanft durchs Haar streichelte? Wann, wenn nicht jetzt sollte man nachsehen, wie ein Mitschüler oder eine Mitschülerin, die man vorher allenfalls mittelinteressant fand, nackt aussehen? Einfach mal so zum Spaß?

Und so verschwinden – während die Unterhaltung gerade darum kreist, wie vollkommen bescheuert eigentlich das diesjährige Abimotto („Habemus Abi“ oder „Abi V Hartz IV“) war – immer mehr Paare in der Dunkelheit. Es gibt Sätze, die wohl niemals so häufig fallen, wie auf Abifahrt: „Ich dachte schon, du würdest nie fragen“ oder „Und ich dachte immer, du fändest mich doof“. Eine unausgesprochene Regel besagt, dass auf Abifahrten in Sachen Liebe und Sex alles erlaubt ist, ganz einfach deshalb, weil nichts etwas bedeutet. Es existieren jedenfalls keine Beweise für eine einzige längerfristige Beziehung, die ihren Ursprung unter dem Sternenhimmel einer euphorischen Abifahrtnacht gehabt hätte. Im Lexikon der hanebüchenen Vergleiche, wird die Abifahrt mit dem Vorgang gleichgesetzt, Zucker in ein Heißgetränk zu geben: Wenn man umrührt, drängt sich in der Mitte erst der ganze Zucker eng zusammen – dann löst er sich auf.

Manchmal führt einen die Abifahrt auch nach Lloret de Mar, in die Center Parcs oder an andere Orte, die zeitgleich von mehreren Schulen angesteuert werden. Dann wird die ganze Veranstaltung leicht so etwas wie ein Vorahnung auf das amerikanische Spring Break: Die Auswahl an Alkoholika potenziert sich ebenso wie die Anonymität und Auswahl an Knutschpartnern, und oft offenbart sich erst am nächsten Tag am Strand, welche Verbindungen in der Nacht zuvor schulübergreifend geschlossen wurden. Ein anderer Sonderfall sind Abifahrten, die noch während der Schulzeit und unter Aufsicht stattfinden. Zwar sind inzwischen die ersten volljährig und die Lehrer ein wenig entspannter. Trotzdem beeinflusst es die Stimmung komischerweise auf ganz unterschiedliche Art, ob ein Abiturjahrgang einige Tage kiffend auf einer Wiese liegt und Wandergitarre und Stimmbänder malträtiert, oder einem Lehrerschirm folgend an den Sehenswürdigkeiten Prags vorbeihastet.

Der Idealfall bleibt die abgelegene Hütte, in der die Abschlussklasse ohne Kontakt zur Außenwelt – quasi unter Big-Brother-Bedingungen – ein paar Tage im eigenen Saft schmort. Innig gepflegte Feindschaften können dort gefühlstrunken und bierselig begraben werden. Rollen wie „der Entertainer“, „die Kupplerin“ oder „der Organisator“ verfestigen sich – unter Umständen bis an den Rest des jeweiligen Lebens. Gleichzeitig wird fleißig am Mythos gestrickt, der den eigenen Jahrgang einzigartig bis legendär erscheinen lässt. Wisst ihr noch, wie der Hofer bei dem Ausflug in der Zehnten den ganzen Bus voll gereihert hat? Geil war doch auch, wie wir damals alle die eine Klausur nicht mitgeschrieben haben, weil die blöde Mathe-Schnitzler uns vorher so in die Irre geführt hat! Habt ihr Honks bei den Bundesjugendspielen eigentlich wirklich auf dem Fußballplatz ein Erdloch geraucht?

Auf der Heimfahrt von Abifahrten regnet es komischerweise immer. Die Verabschiedungen sind herzlich, rührend und ernst gemeint. Man hat gemerkt, dass es bei manchen Leuten schade war, dass man zwar jahrelang die Klassenzimmer, Lehrer und verschwiegenen Raucherverstecke mit ihnen geteilt hat, sonst aber fast nichts. Klar bleiben wir in Verbindung. Hey, man ist ja schließlich nicht aus der Welt. 250 Kilometer sind doch keine Entfernung! Spätestens Weihnachten, oder? Trotzdem, als die anderen den Wagen rückwärts aus der Einfahrt raussetzen und man die elterliche Haustür aufschließt, ist da dieses Gefühl, dass man die meisten der Leute, mit denen man gerade das augenscheinlich beste Wochenende der Welt hatte, nie wieder sehen wird. Das Gefühl, dass gerade etwas zu Ende geht. Und bloß noch nicht ganz klar ist, was danach anfängt.

Der Autor hat 1994 Abitur gemacht. Sein Abimotto hat er vergessen. Das Gefühl zwischen Euphorie und Scham, auf einer Turnhallenbühne im Chor „We Are The World“ zu singen, ist jedoch unauslöschlich in sein Gehirn eingebrannt.

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