Werbinich : Einig werden

In der Werner-Stephan-Hauptschule dient der Ethikunterricht erst mal dazu, eine Klasse zu formen, die sich verträgt

Susanne Vieth-Entus

In der letzten Woche schilderten wir hier die erste Ethikstunde der Neuköllner Fritz-Karsen-Gesamtschule. Um zu zeigen, wie unterschiedlich Lehrer an das Fach herangehen, folgt heute ein Bericht aus einer ganz anderen Schulstunde.

Die erste Ethikstunde der Klasse 7.1. in der Tempelhofer Werner-Stephan- Hauptschule beginnt damit, dass sieben der 14 Schüler rausgeschickt werden. Die anderen sollen einen Stuhlkreis bauen. Nach drei Minuten stürmen die Schüler vom Flur wieder ins Klassenzimmer, schnappen sich die Stühle und bauen daraus einen verwegenen Turm. Vom Kreis der ersten Gruppe ist kaum noch was zu sehen außer ein paar schief stehenden Reststühlen.

„Warum habt ihr denn euren Kreis nicht gebaut? Warum habt ihr euch die Stühle wegnehmen lassen?“, fragt Lehrer Reiner Haag die hilflos blickenden Schüler. „Mir war es egal“, sagt Tugay. „Ich habe mich bedrückt gefühlt“, wirft Mandy ein. Letztlich kommt heraus, dass sie sich alle miteinander von der entschlossen auftretenden Turmgruppe haben überrumpeln lassen. Da meldet sich Merve zu Wort: „Wir hätten ihnen die Stühle wegnehmen müssen.“ „Aber dann wäre Chaos entstanden“, gibt Haag zu bedenken. Ankiza hat eine Idee: „Wir hätten zuerst klären müssen, wer was will. Dann hätten wir vielleicht beides hinbekommen.“ „Ja“, stimmt Baris zu. „Man muss das erst klären. Sonst macht man so was immer wieder und dann ist Krieg.“

Haag will es genauer wissen: „Was muss man zuerst klären?“ „ Wer welches Interesse hat“, sagt Mandy.

Jetzt werden die Stühle wieder hinter die Bänke gestellt. Jeder Schüler bekommt ein Din-A4–Blatt und soll aufmalen, in welcher Umgebung er gern leben würde. Häuser, Palmen und richtige Ritterburgen mit aufgehender Sonne wandern auf die Bögen. Dann bilden die Schüler drei Gruppen. Jede bekommt ein Din-A3-Blatt, auf dem sie mithilfe von Schere und Klebestift eine Quintessenz der Einzelbilder unterbringen soll. Nun geht das Verhandeln los: Wer kann die anderen davon überzeugen, dass sein Bild von ihnen akzeptiert wird und zumindest teilweise auf dem gemeinsamen Blatt unterkommt? Ein bisschen wird herumgezickt, aber schließlich haben die Gruppen es geschafft und erhalten noch einen Auftrag: Sie sollen die drei großen Blätter wiederum zu einem einzigen Blatt vereinigen. Auch das klappt: Am Ende ist ein Gemeinschaftsbild entstanden – mit den drei schönsten Burgen und einem großen Haus.

Ein paar Minuten verbleiben noch. Die Schüler sind vom Verhandeln ziemlich aufgedreht. Haag stellt ruhige Musik an, eine Schülerin schaltet das grelle Licht aus. Jetzt sollen alle ihre Köpfe auf die Arme legen, die Augen schließen. „Überlegt euch jetzt, ob ihr zufrieden seid mit dem, was da eben gelaufen ist. Wie ging es euch in der Zusammenarbeit mit den anderen? Was hätte besser laufen können?“, fragt Haag in die Runde, die wirklich ganz still geworden ist. Dann ist sie vorbei – die erste Ethikstunde der 7.1.

Ethikstunde? Bisher hieß das, was Haag da mit seinen Siebtklässlern gerade gemacht hat, an ihrer Schule „Soziales Lernen“. Aber der Name sei eigentlich egal, sagt Haag. Das Ziel sei entscheidend. Und das lautet: Er muss aus den Dreizehnjährigen, die frustriert aus der Grundschule kommen und den Begriff „Hauptschüler“ als Stigma empfinden, er muss aus diesen Jugendlichen eine Gruppe formen. Eine Gruppe, die sich an Regeln hält und gern in die Schule kommt. Und wenn diese Basis geschafft ist, dann kann Haag sich dem Lehrplan widmen und reden über Glück und Werte, Freiheit und Diskriminierung, Religion und Atheismus, Ehre und Ehrenmord.

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