Werbinich : Einübung in die Langeweile Schulleiterin Karla Werkentin erinnert sich

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An die Enge und Spießigkeit der 50er Jahre zurückzudenken, somit auch an die Schulzeit, ist nicht sehr angenehm. Witzige Erlebnisse gab es nicht, auch keine tollen Streiche. An die Einschulungsfeier 1951 in die Volksschule Wasserturm A in Wilhelmshaven kann ich mich noch gut erinnern.

Mein Nachname begann mit dem Buchstaben Z. Alle Erstklässler saßen in der Aula und wurden alphabetisch aufgerufen. Ich kannte das Alphabet noch nicht und war nach einer Weile sicher, dass ich wieder nach Hause gehen muss, denn die schienen mich nicht zu wollen. Endlich wurde mein Name aufgerufen. Als Letzte stiefelte ich dann nach vorne und bekam wie alle anderen Kinder eine von älteren Schülern gebastelte Schultüte und ein Primelsträußchen. Das war toll, denn kein Kind ging leer aus, alle hatten eine Schultüte, was damals überhaupt nicht selbstverständlich war.

Ansonsten herrschten Ordnung, Disziplin und Strenge, Schwatzen mit dem Banknachbarn war verboten. Allerdings waren wir auch eine sehr große Klasse mit 42 Schülern. Klaus, Rudi und Willi wurden regelmäßig über die Bank gelegt und vom Lehrer versohlt. Geholfen hat es nicht. Genauso wenig wie die Noten für „Verhalten in der Schule“ und „Beteiligung am Unterricht“, die auf jedem Zeugnis als Erstes standen. Auch der obligatorische Religionsunterricht – an eine Befreiung war gar nicht zu denken – hat die Beziehungen von uns Kindern untereinander nicht positiv beeinflusst. Jeden Morgen musste ich überlegen, wie ich den Schulweg heil überstehe, denn Manfred und Klaus attackierten mich und andere Mädchen mit Weidengerten.

Der Unterricht selbst war öde, der Kampf mit dem Federhalter nervend, ewig gab es Kleckse, und man musste von vorn beginnen. Wenn man mich heute fragt, was ich gelernt habe, dann war es die Tugend der Geduld. Ich kann sehr gut Langeweile aushalten – das habe ich vom ersten Schultag an trainiert. Und ich habe gelernt, mit gewalttätigen Klassenkameraden umzugehen und mich gegen Mobbing zu wehren. Ich habe mich mit ihnen nicht geprügelt, sondern versucht, sie verbal fertig zu machen und mich mit anderen gegen sie zu verbünden. Von daher hatte der Spruch „mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens“ für mich tatsächlich Gültigkeit.

Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit meiner Generation die Schule als öde, langweilig und uninspiriert empfunden hat. Das ist ein Grund für das schlechte Image der Institution Schule. Ich konnte meinen Kindern die Schule als Lernort auch nicht schmackhaft machen. Dass ich selbst Lehrerin geworden bin, hängt mit den Praktika in Kinderheimen und Kindergärten zusammen, die ich während meiner Schulzeit gemacht habe. Der Umgang mit den Kindern hat mir viel Spaß gemacht. Und wenn man etwas anfängt, dann muss man es richtig machen.

Karla Werkentin war von 1989 bis 1996 Volksbildungsstadträtin der Alternativen Liste (später Bündnis 90/Grüne) in Schöneberg und leitet seit 1997 die Weißenseer Heinz-Brandt-Hauptschule.

Liebe Leser, an dieser Stelle würden wir gerne auch Ihre Schulgeschichte aufschreiben. Schreiben Sie uns per E-Mail an: schule@tagesspiegel.de oder per Post an: Der Tagesspiegel, Redaktion Schulseite, 10876 Berlin.

Karla Werkentin (60) denkt nicht gerne an ihre Schulzeit in den 50ern zurück. Sie hat viele öde Unterrichtsstunden erlebt und sich gegen gewalttätige Mitschüler zur Wehr gesetzt.

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