Werbinich : Entdeckungsreise im eigenen Land

Die eine kam nach Berlin, die andere ging nach Erfurt – 7500 Jugendliche aus Ost und West machten bei einem Schüleraustausch mit

Katja Gartz

Ein Schüleraustausch in Frankreich oder England ist heute für viele Oberschüler nichts Besonderes. Beinahe exotisch erscheint da ein Austausch innerhalb Deutschlands zwischen Jugendlichen aus den alten und neuen Bundesländern. Mit dem Ziel, dass sich junge Menschen aus den alten und den neuen Bundesländern kennen lernen und so die deutsch-deutsche Annäherung gefördert wird, startete im Februar 2002 das Projekt „Jugend recherchiert Umwelt – 100 Schulen im Dialog“. Ermöglicht wurde das Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und dem Institut zur Objektivierung von Lern- und Prüfungsverfahren. Angestoßen hat es der damalige Bundespräsident Johannes Rau. Aus einigen dieser Ost-West-Begegnungen sind richtige Freundschaften entstanden. Zum Beispiel zwischen Hümeyra Ozunbayir aus Berlin und Sophia Hillmann aus Erfurt.

Von der Idee, eine Woche nach Erfurt zu fahren und in einer Gastfamilie zu leben, war Hümeyra Ozunbayir zunächst gar nicht begeistert. In eine langweilige Kleinstadt, womöglich zu unfreundlichen Leuten – das kann nicht gut gehen, dachte die Schülerin des Schöneberger Rückert Gymnasiums im vergangenen Frühjahr. Von Ostdeutschland kannte sie bis dahin nur Autobahnen.

Die 16-jährige Sophia Hillmann in Erfurt wählte ausgerechnet Hümeyra aus den 25 Steckbriefen Berliner Schüler aus, weil sie neugierig war auf den türkischen Hintergrund. Als Hümeyra im Mai bei den Hillmanns in Erfurt ankam, lösten sich ihre Befürchtungen in Luft auf. „Sie haben Rücksicht darauf genommen, dass ich kein Schweinefleisch esse und ich habe mich dort richtig wohl gefühlt“, sagt die 16-Jährige.

Ungewohnt war es für sie, kaum Ausländern zu begegnen. „Ich habe in den fünf Tagen in Erfurt nur drei Türken in der Stadt gesehen.“ Die Erfurter Altstadt fand die Berlinerin wunderschön. Mit Sophia zusammen besuchte sie Cafés, rauchte Wasserpfeife. „Wir hatten viele gemeinsame Themen: Schule, Eltern, Flirts“, sagt Hümeyra. Sie trafen sich mit ihren Klassenkameraden, lernten neue Leute in Erfurt kennen und feierten Partys in alten Scheunen. Auch der weite Blick über Felder und Wiesen der Umgebung war für die Großstädter eine schöne Abwechslung. Das Umweltthema, das die Berliner Schüler in Thüringen recherchieren sollten, drehte sich um Wärmeisolierung von Häusern. Bei Mitarbeitern der Universität Weimar informierten sie sich über die Probleme bei der Wärmeisolierung und führten mit ihnen zusammen Messungen an Hausfassaden durch, mit Infrarotkameras.

„Wir hätten gerne mehr als drei Tage gehabt, weil wir uns so gut verstanden haben“, sagt Sophia. Dass die eine aus West- und die andere aus Ostdeutschland kommt, spielte beim Kennenlernen kaum eine Rolle. „Wir waren viel zu klein, als die Mauer fiel, Berührungsängste haben wir nicht“, sagt die Erfurterin. „Die Mauer besteht in den Köpfen der Erwachsenen, die Schüler haben sie nicht erlebt“, sagt Gerda Jeschal, Lehrerin am Berliner Humboldt-Gymnasium.

Im September kam dann Sophia mit ihren Mitschülern nach Berlin. Sie erforschten hier das Brutverhalten von Vögeln, die auf Gebäuden nisten.

Sophia war überrascht und fasziniert, dass in Hümeyras Elternhaus das Familienleben eine viel größere Bedeutung hat, als sie es von vielen deutschen Familien kennt. „Ich fühlte mich gleich, als ob ich zu den Ozunbayirs dazugehöre“, berichtet Sophia, die auch auf den Geschmack der türkischen Küche gekommen ist. Wenn sie heute türkenfeindliche Äußerungen von anderen Jugendlichen hört, reagiert sie prompt: „Wenn ich sie dann frage, ob sie überhaupt Türken kennen, antworten sie immer mit nein.“ Hümeyra und Sophia schreiben sich oft E-Mails und telefonieren. Wiedersehen wollen sie sich spätestens in den Osterferien.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben