Werbinich : Er leuchtet

Clueso ist Musiker. Und wenn der Sommer vorbei ist, kennen ihn alle. Ein Besuch vor dem großen Ruhm

Jeannette Krauth

Clueso ist ein Lampenmensch. Ein alter Mann. Ein kleiner Junge. Ein Musiker. Das mit der Lampe ist am wichtigsten. Es gibt diese Menschen, die so strahlen, dass andere sich anpirschen und sonnen, etwas von dieser Energie abzapfen wollen. So einer ist Clueso.

In Fakten ist Clueso (sprich: Klüüso) ein 26-Jähriger namens Thomas Hübner. Er hat gerade sein drittes Album veröffentlicht und ist bei dem Fantastische-Vier-Label „Four Music“ unter Vertrag. Max Herre und Blumentopf singen auf seinen Platten mit. Sein bekanntestes Lied ist „Kein Bock zu gehn“, da klingt er wie ein Hiphopper. Auf der neuen Platte „Weit weg“ macht er alles: bisschen Raggae und Punk, mehr Hiphop, Deutschpop. Die Kritiken zum Album waren gut. Den Sommer über spielt Clueso auf etlichen Festivals. Das könnte der Durchbruch werden.

Clueso in Emotion erklärt, das funktioniert so: Thüringen, ein Sommertag. Eine Talsohle, geschnittener Rasen, ringsum Hügel mit Tannen darauf. In drei Stunden beginnt hier das Himmelblau-Festival. Ein paar Roadies laufen zwischen Dixiklos und Lkws herum, ein Fernsehteam ist da, Essensbuden werden aufgebaut. Auf der Wiese steht Clueso, ein schmaler Junge mit Mikrofon in der Hand. Soundcheck. Er sagt drei Sätze. Das reicht. In dem Moment ist alles weg: Bühne, Roadies, Buden. Auch, dass er dünnfleischige Wangen hat und knochige Schultern – alles futsch. Der Junge wird riesengroß, da ist nur noch diese unglaubliche Präsenz der Stimme.

Kurz danach sitzt Clueso auf dem Rand eines Wasserbeckens am Rand der Wiese. Er blinzelt, die Sonne, und isst ein Brötchen. Er hat aufgesprungene Lippen und Augen, die Blicken standhalten. Es sind zu große Augen, zu große Augenbrauen für dieses Gesicht.

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Clueso, du sagst, nachdenken sei dir sehr wichtig. Geht das singend am besten?

„Singen ist mein direkter Spiegel. Du singst etwas ein und hörst, auch wenn es dir vorher nicht klar war, sofort an der Stimme, wo du bist, wie es dir geht.“

Du hast vergangenes Jahr beim Bundesvision Song Contest von Stefan Raab teilgenommen, bist Siebter geworden. Warum geht man zu Raab?

„Der ist ein Mukker. Der hat mir gesagt: ,Ich hab’ dein Album im Auto. Und das heißt was. In den Spieler passen nur vier CDs rein.‘“

Machen wir ein Spiel? Kommentiere doch mal deine Liedzeilen.

ich check ein und du checkst aus

wir war’n zu früh am selben gate

aufenthalt im gleichen haus

der eine kommt, der andere geht

„Bin so vielen Menschen begegnet in den letzten zwei Jahren. War so schnell unterwegs. Es ist immer diese Was-wäre-wenn-Frage. Du triffst einen coolen Typen oder eine Lady, denkst, die könntest du auch näher kennen lernen – und schon bist du wieder weg.“

ich wusste nicht mehr wo will ich hin

wo komm ich her

so fuhr ich ohne Spass

mit Vollgas im Kreisverkehr

„Vollgas im Kreisverkehr, ja, das war so ein Spruch. Hab’ eben gemerkt, und merken müssen, in den letzten beiden Jahren, dass ich ein Künstler bin. Es gab die Friseurlehre vorher, wo ich nachts an Sounds gebaut habe. Dann ohne Schlaf, ungeduscht, nur einen anderen Pullover übergezogen, völlig verpennt im Salon angekommen bin. Das ging einfach nicht. Du merkst einfach, wie etwas anderes in dir schlummert und rauswill.“

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Fragt man seine Friseurmeisterin heute nach Clueso (die zweite, beim ersten ist er rausgeflogen, weil er zu oft zu spät gekommen ist), dann flötet die: „Aah, der Hübi! Der war der zärtlichste Augenbrauenzupfer überhaupt!“ Er habe tausend andere Sachen im Kopf gehabt als Frisuren, da habe sie auch schon mal sagen müssen: „Haallo? Bist du bei uns?“

Aber die Kunden hätten ihn gemocht, er habe so eine Ruhe ausgestrahlt.

Früher Abend auf dem Festival. Familie Hübner ist gekommen, mit Campingstühlen und Grill. Das Himmelblau-Festival ist ein Heimspiel, Clueso kommt aus Erfurt, das ist nur eine knappe Stunde entfernt. Tino ist auch da, Cluesos bester Freund. („Wie Clueso ist? Sag ich nix.“) Tino bedruckt und entwirft Cluesos Klamotten. „Nur weiße Pullover gehen“, sagt er, und in seinem Exemplar steckt vorne in den Einstecktaschen der Hundewelpe Rephlex. Würstchen für alle gibt’s, dazwischen für Clueso Radio- und Fernsehinterviews.

Es ist dunkel, als der Auftritt beginnt. Clueso steht auf der Bühne. Beugt sich vor. Streckt den Arm aus, Richtung Publikum, formt mit Daumen und Zeigefinger ein „o“. Der Arm bewegt sich im Takt. Das sähe bei vielen ziemlich ungelenk aus. Bei Clueso wirkt es, als sei er ganz bei der Musik, bei den Leuten. Neben dem Bühnengraben, vor den hüpfenden, singenden Fans, steht ein alter Mann. Er ist wichtig für Clueso. Sagt Tino. Es ist Cluesos Opa. Er war auch Musiker, hatte eine Kapelle.

Fünf Minuten nach dem Konzert sagt Clueso der Band tschüss – die Familie ruft. Es gibt ein Mädchen backstage, sie hat sich hübsch gemacht, Rock, Lippenstift, sie kennt ein paar Leute hier, Cluesos Bruder etwa. Von ihr hat sich Clueso nicht verabschiedet. Sie ist tapfer, macht Witze: „Huh, bin ich müde, nur noch schnell an der Zahnpasta vorbeifliegen.“ Sie lacht und sieht traurig aus.

Interviews, Auftritte, Fans, neue Menschen. Den ganzen Sommer über wird das so gehen. Cluesos Leben wird mit dem Erfolg leichter statt schwieriger werden, glaubt er. Weil die Menschen seine Lieder jetzt kennen. Und weil er weiß, wie es ist, vor so vielen Leuten zu spielen. „Du musst den Raum hinter dir als Gegengewicht zum Publikum wahrnehmen“, hat Smudo ihm geraten. Der Trick funktioniert.

Nachdem das Debüt raus war, da „dachte ich ständig: Du musst jetzt ein zweites Album machen“, sagt Clueso. „Und die spinnen, die Fantas, wenn sie sagen: Lass dir Zeit“. Es war schlimm, als der Four-Music-Geschäftsführer, das ist der Mann, der auch „Die Ärzte“ entdeckte, zum zweiten Albumentwurf sagte: Das ist Scheiß. Da ist mehr drin. Lass den Rapkram. „Ich hab da so viele Monate dran gearbeitet. Ich hab dem gesagt: Du gehst hier nicht raus, bevor du dich entschuldigst“, hat Clueso gesagt. Das habe der Geschäftsführer getan. Weil er ein cooler Typ ist, sagt Clueso. Weil er ihn sechs Jahre unterstützt hat, ohne sich einzumischen.

„Mann, waren wir da fertig“, erinnert sich Andie, Cluesos Manager. Sie saßen beim Asiaten, „völlig schockgefrostet, und Clueso hat geheult.“ Sie entschieden: Okay, wir machen es neu. Die beiden wohnten damals in Köln, das Album hatte Clueso in Berlin aufgenommen. Sie brachen mit den fremden Städten. Gingen zurück nach Erfurt. Weil es Blödsinn sei, das Glück in der Ferne zu suchen. Alle Leute für das Plattenlayout, die Webseite, die Band, alle Menschen, die nun an „Weit weg“, dem dritten Album, teilhatten, kommen aus Erfurt, sagt Andie.

Am Morgen nach dem Konzert. Brötchen und Kaffee stehen auf dem Tisch, zu Hause bei Clueso. Das ist der „Zughafen“, zumindest ist er hier öfter als in seiner Wohnung. Es ist ein Backsteinhaus zwischen unbenutzten Gleisen, direkt vor dem Erfurter Bahnhof. Büros, Studios sind hier drin, auch Tinos Siebdruckwerkstatt. Seit zwei Stunden sind die Bandmusiker, die Bürocrew und Andie wach, sie sitzen noch am Esstisch. Da kommt Clueso herein, weißes Sweatshirt, bedruckt mit Tinos Neonsternen, dazu Boxershorts. Auf dem Arm trägt er den Welpen seines Freundes. Legt ihn behutsam auf eine Decke. Nimmt sich Kaffee. Verschwindet.

Im Studio. Fünf, sechs Stunden lang hat die Nacht gedauert, maximal. Das Gesicht ist schlafverknittert, Clueso starrt auf den Computerbildschirm, schiebt an den Reglern des Mischpults. Neben ihm sitzen zwei Musiker einer befreundeten Band. Sie „bauen an einem Beat“. Wofür? „Erst mal machen, dann gucken was geht.“ Clueso ist in sich versunken, bewegt den Körper zur Musik. Ein sichtbarer Pulsschlag.

In der Küche nebenan kochen ein paar Jungs Suppe für alle, die Bandmusiker haben Besuch, mehr als fünfzehn Leute laufen herum, immer mal wieder kommt jemand herein. Wie kann er sich hier bloß konzentrieren? Vielleicht braucht Clueso das, diese Großfamilie um sich herum. Und diese unzähligen Ideen . An der Studioglasscheibe hängt ein Zettel, „Alchimist!“ steht darauf, das ist eine Erinnerung: Er will das Buch von Paulo Coelho für das Goethe-Institut einsprechen. Ach, und: Heute abend findet noch ein Konzert lokaler Bands im Zughafen statt. Wer kommt spielt. Morgen ein Konzert in der Schweiz. Eine Undercover-Cafétour ist geplant, und das Reisen im Wohnmobil und spielen, dort, wo man gerade ist, das ist ein Wunsch. Wie war das nochmal? So schnell unterwegs. So viele Dinge.

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