Werbinich : Er saß im Unterricht und dffff-tete

Warum hören die alle bloß so komische Musik? Und hilft es, eine Band zu gründen?

Julius Wolf

Neulich war ich mal wieder auf dem Land in unserem Haus. Bei den Nachbarn war Erntedankfest. Eigentlich wollte ich erst gar nicht hingehen, weil ich aus dem Vorjahr noch schlechte Erinnerungen an das Fest hatte. Schließlich habe ich mit meinen Eltern einen halbstündigen Aufenthalt ausgehandelt. Kurz und gut, es war weder für mich noch für meine Eltern erträglich: feinste Schlagermusik. Das Essen war gut, aber auch das beste Menü kann einem durch die Wildecker Herzbuben im Hals stecken bleiben. Nicht, dass mich jemand falsch versteht, die Musik ist wirklich hilfreich. Aber eben nur, wenn sie in Guantanamo Bay eingesetzt wird, um Geständnisse zu erzwingen. Ich zumindest würde nach elf Minuten zugeben, Osama bin Laden zu sein. Aber diese Musik ist ja auch nicht dafür gedacht, dass sie der Jugend gefällt.

Techno ist die Musik der Jugend. Wird oft gesagt. Ich bin 17. Und ehrlich gesagt, ich finde Techno scheiße. Wenn ich genau darüber nachdenke, kenne ich nur zwei Leute, die Techno hören. Und beide sind nicht die Elite, wenn es um Geschmack und Verstand geht. Ich habe mich mal umgehört, warum meine Freunde Techno schlecht finden. Einer sagte, dass Techno nicht innovativ wäre. Er selbst hat mit einem Musik-Maker schon Techno gemacht, der besser ist als der von Scooter. Ein anderer deutete an, dass Techno was für Hirnverbrannte ist. Weil es sich immer gleich anhört. Duff Duff Duff, Bum Bum Bum.

Irgendwann in der zehnten Klasse hatte ich einen Technohörer als Banknachbarn. Er hatte immer seinen Discman dabei. Einen, der MP3-Dateien abspielen kann. Und seine Cds, die er damit gehört hat, hat er mit Techno bespielt. Nun muss man wissen, dass eine normale Audio-CD vielleicht 18 bis 20 Lieder fasst und damit eine Spielzeit von ungefähr einer Stunde hat. Wenn man einen CD-Rohling mit MP3-Dateien bespielt, passen auf so eine CD über 100 Lieder. Und wenn diese Lieder, wie Techno-Lieder das so an sich haben, lang und länger sind, dann läuft so eine CD sieben Stunden! Aber zurück zu meinem Banknachbarn. Der hörte gern Techno und damit Paul van Dyk, Groove Coverage und wie sie alle heißen. Außerdem hörte er die Techno-Version von Beethovens Neunter. Er fands so gut, dass er meistens mitsummte. Df df df, dffft, df df df, dffft. So saß er dann im Unterricht und dfffft-tete vor sich hin.

Vielleicht sollte ich mal dagegen setzen, was meine Freunde und ich für Musik hören. Martin hört gern Rock. Früher war es Hip-Hop, heute ist es Rock. Hauptsächlich Red Hot Chili Peppers. Zurzeit ist es so, dass er jeden zweiten Tag eine neue Band hat, die er gut findet. Nach den Red Hot Chili Peppers kam Incubus. Darauf folgten The Hives, Hundret Reasons, Hoobastank, The White Stripes und Lostprophets. So langsam komme ich da nicht mehr hinterher. Manches davon find’ ich auch gut, anderes weniger. Das ist dann die Rock-Fraktion.

Benni hört gern Jazz. Und „das, was im Radio läuft“. Ich glaube das teilt sich bei ihm so ein: Am Morgen, unter der Woche könnte es 104.6 RTL sein. Nach der Schule Radio 1. Und am Wochenende dürfte es Info-Radio sein, weil da die Bundesliga übertragen wird. Andreas, solidarisch wie er ist, hört meistens alles mit, was wir hören wollen. Wenn er mal seine eigenen Wünsche durchsetzen würde, würde er bei den Chili Peppers mit Martin übereinstimmen. Da es ihm aber doch recht häufig egal ist, bleibt mir sein restlicher Musikgeschmack, der sich in Sting, Lenny Kravitz und besonders Jamiroquai äußert, erspart. Andreas hat mich allerdings gebeten, objektiv zu bleiben und nicht einfach nur zu schreiben, dass ich Lenny Kravitz schlecht finde. Also, Sting ist einfach nicht mein Fall. Warum weiß ich nicht, aber ich mag dessen Musik nicht. Und Kravitz gefällt mir auch nicht, ich finde ihn einfach zu poppig. Ich höre am liebsten Reggae. Ohne Rock und Reggae würde da noch Punkrock, Ska und ein bisschen Hip-Hop bleiben. Also eigentlich von allem ein bisschen was dabei.

Wie kommt man aber an so viel Musik ohne sich in Schulden zu stürzen. Gut, Martin ist das egal. Der kauft sich gerne alle 16 Red-Hot-Chili-Peppers-CDs original. Wir anderen können das nicht. Pro CD einen Preis von 12 bis 15 Euro zu verlangen, finde ich auch ziemlich heftig. Aber zum Glück gibt es ja viele Wege um die Musik zu kriegen, die man haben will.

Wir hören aber nicht nur Musik, wir versuchen es wenigstens selber. Andreas spielt Saxophon. Er hat vor kurzem damit aufgehört, aber er kann jedenfalls Saxophon spielen. Benni ist seit der fünften Klasse im Schulorchester und spielt Trompete. Martin, bei dem die Wandlung vom Hip-Hopper zum Surfer gerade abgeschlossen ist, bekommt seit ein paar Wochen Gitarrenunterricht. Bleibe noch ich. Zum Geburtstag habe ich ein Schlagzeug geschenkt bekommen. Jetzt lärme ich in der Wohnung, bis ich einen Raum gefunden habe, denn ich nutzen kann. Den brauche ich, denn Martin ist auf die Idee gekommen, eine Band zu gründen. An sich keine schlechte Sache. Bis jetzt sind wir zu dritt. Martin, John und ich. John haben wir erst kürzlich getroffen, er hört die Musik, die Martin hört. Plus System of a Down. Martin spielt Gitarre. John spielt nichts.

Ich spiele Schlagzeug. Sehr schlecht. Das ist also unsere großartige Band. Wir haben keinen Proberaum, keine Ahnung von Noten und keinen Bandnamen. Und noch was haben wir alle gemeinsam. Unsere Abneigung gegen Popmusik und Party-Hip-Hop. Popmusik. Was ist das? Man könnte sagen: Allgemeine Volksverdummung. Egal wo man hinhört, man hört Pop oder Party-Hip-Hop. Egal wo man hinsieht, einem grinsen Christina und Britney entgegen. Und wenn’s nicht die sind, dann ist es irgendeine talentfreie, aus irgendeiner Castingshow entsprungene Ansammlung von Hupfdohlen und Küblböcks. Ich glaube, wenn diese Leute Englisch könnten, würden sie ihre Verträge sofort kündigen. Ich kann nicht glauben das jemand ernsthaft ein Lied singen kann, bei dem der Refrain „Nimm mich heut Nacht, alles ist möglich“ geht.

Schalte ich im Radio durch die Sender, kommt auf einem gute Musik – das ist meistens Radio 1 – , auf dem anderen Nachrichten und auf den restlichen acht hör ich die Spears, Usher oder Aguilera. Bei MTV und Viva ist es dasselbe. Schon wieder Dragostea din tei! Das schlechteste Lied der Welt, und trotzdem zwei Monate auf Platz eins. Erst wenn DJ Ötzi als jugendgefährdender gilt als Marilyn Manson, geht es wieder aufwärts.

Den Musikgeschmack meiner Eltern finde ich nicht so prickelnd. Aber Tom Waits – der Vater – und Marianne Faithful – die Mutter – sind immer noch besser als die Schlagerhitparade. Und der Plattensammlung der Eltern habe ich Bob Marley und Jimmy Cliff übernommen. Und Fan der Toten Hosen wurde ich durch meinen Vater. Er kommt aus Düsseldorf. Auch sonst bin ich musikalisch nie mit meinen Eltern in Konflikt geraten. Beim Erntedankfest hat mein Vater schon nach sieben Minuten zugegeben, Saddam Hussein zu sein.

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