Werbinich : Erinnerungen an Auschwitz und das Schweigen von Tante Gerda

Radiomoderator Knut Elstermann liest an Schulen aus seinem neuen Buch

Katja Gartz

Während sich das Schulgebäude der Erasmus-von-Rotterdam-Gesamtschule in Hellersdorf nach der sechsten Stunde leert, treffen sich etwa 45 Schüler in einem Klassenraum zu einer Lesung. Es sind vor allem Neun- und Zehntklässler des Wahlpflichtkurses „Jüdische Geschichte“. Der 15-jährige Björn Sommer besucht diesen Kurs, weil die Verfolgung der Juden im Geschichtsunterricht zu kurz komme. In der Lesung wird er von dem Schicksal einer Berliner Jüdin erfahren, die den Holocaust überlebt hat.

Nach fast 60 Jahren bricht Gerda Schrage in New York ihr Schweigen und spricht über Auschwitz, erzählt, was damals geschehen ist. Knut Elstermann, der sie als Kind für seine Tante hielt, hat ein Buch über ihre Erinnerungen geschrieben („Gerdas Schweigen. Die Geschichte einer Überlebenden“, Bebra-Verlag, 191 Seiten, 26,90 Euro). Den Schülern erzählt er, dass er „Tante Gerda“ aus vielen Geschichten seiner Großmutter und von Familienfotos aus den zwanziger Jahren kannte. Er liest vor, was er über die erste Begegnung mit Gerda geschrieben hat.

Als junger Pionier trifft er sie das erste Mal. Als die vermeintliche Tante in den sechziger Jahren aus Amerika zu Besuch kommt, schärft seine Mutter ihm ein, sie bloß nicht nach Auschwitz und dem Kind zu fragen. Als Gerda am Kaffeetisch ihren Sohn erwähnt, stellt Knut doch die Frage, die er lange bereuen sollte. „Du hast also wieder ein neues Kind, Gerda?“ Zu erfahren, was damals wirklich geschah, treibt den Radiomoderator, der als „Kinoking Knut“ von Radio Eins bekannt ist, viele Jahre um.

Im Klassenraum ist es still, alle hören gebannt zu. Elstermann liest weiter. Gerda wird 1920 als Kind jüdischer Einwanderer aus Polen geboren und wächst nahe der Volksbühne, in der heutigen Torstraße auf. Als junges Mädchen aus zerrüttetem Elternhaus sucht sie bei den Nachbarn Zuflucht. In der großen Familie von Elstermanns Großeltern ist sie immer willkommen, bei allen Festen dabei. Gerda wird Pelznäherin. Ihre Eltern und andere Verwandte werden von den Nationalsozialisten ermordet. Gerda selbst wird im Februar 1943 während der „Fabrikaktion“ verhaftet, als die letzten noch in Berlin lebenden Juden in Lagern gesammelt wurden. Sie schafft es zu fliehen, taucht bei Elstermanns Tante Hilde im Wedding unter.

Als sie ein Jahr später nach Auschwitz deportiert wird, ist sie im ersten Monat schwanger. Immer wieder unterbricht Elstermann das Lesen und erzählt frei von der warmherzigen Dame, der er acht Tage in New York gegenübersitzt, wie sie nach Worten ringt, schwer atmet, leicht zittert, wenn sich die Erinnerungen an die Todesmaschinerie der Nazis wieder einstellen. „Der Tag an dem Gerda über die Entbindung in Auschwitz spricht, ist der schwerste für sie gewesen“, sagt der Autor. Das sie ihr Kind zur Welt bringen durfte, ist vermutlich Teil von Josef Mengeles Experimenten, mit denen der KZ-Arzt herausfinden wollte, wie lange Neugeborene ohne Nahrung überleben. Gerda wurden die Brüste abgebunden, damit sie ihr Baby nicht stillen kann. Sie musste mitansehen, wie es nach 14 Tagen in ihren Armen stirbt. Die verlorene Tochter hieß Sylvia.

Elstermann fasst sich kurz, liest nicht die Seiten über Gerdas Erinnerungen an die Geburt. Dieser Abschnitt sei bei jeder Lesung der schwierigste.

Als Gerda von Auschwitz nach Theresienstadt deportiert wird, kann sie erneut fliehen. Ein Wärter hat ihr dabei geholfen. Gerda hat geschwiegen, weil sie vergessen wollte, um weiterleben zu können, auch weil sich andere niemals werden vorstellen können, was geschah. Auschwitz sollte nicht ihr Leben bestimmen. „Was sie dort erlebte und sah, schließt uns aus“, schreibt der Autor. Nach der Lesung sagt die Schülerin Sandra Küster leise, „so etwas habe ich noch nie gehört“. Nicole Wolly gefiel, dass Gerdas Geschichte so persönlich erzählt wurde, dass sie wahr und nicht aus einem Roman ist. Gerda Schrage ist am fünften März 86 Jahre als geworden. Knut Elstermann erzählt ihre Geschichte weiter.

An einer Lesung interessierte Schulen können sich an den Bebra Verlag wenden unter der Telefonnummer 440 23 814. Weitere Hinweise im Internet unter www.bebraverlag.de.

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