Werbinich : Erwartungsdruck

Anna Dißmann[17 Jahre]

Natürlich kann man die eigenen Verhältnisse immer mit schlechteren vergleichen und sie dadurch besser erscheinen lassen – doch ich finde, wir Jugendlichen sollten unsere Freiheit aus dem Gesamtkontext reißen und nach unseren eigenen Maßstäben bewerten. Und wie ich werden viele andere auch auf den einen oder anderen Kritikpunkt stoßen.

Ohne den Drang zur Veränderung wäre das Leben schließlich total langweilig.

Nach außen hin scheint es immer, als ob wir als Schüler ja soooo viele Freiheiten bei der Wahl unseres Weges ins „echte“ Leben haben – doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Gesellschaft, in der wir uns doch so frei bewegen, hat in Wirklichkeit Schubladen, in die jeder von uns gesteckt wird, je nachdem, was er mit seinem Leben anfängt.

Ganz eindeutig sieht man das bei der Aufteilung nach der 6. Klasse. Diejenigen, die es nicht geschafft haben, den Lehrer davon zu überzeugen, dass sie „gut genug“ für ein Gymnasium sind, müssen sich an Sekundarschulen bewerben, und ab diesem Zeitpunkt werden sie unausgesprochen als künftige Verlierer abgestempelt. Doch wird nicht immer gepredigt, dass es doch so viele Möglichkeiten gibt?

Ja, Möglichkeiten, die gibt es, doch als gleichwertig werden sie nicht angesehen. Wenn ich als Gymnasiastin sage, ich gehe nach der 10. ab und beginne eine Ausbildung, dann kann ich doch die bösen Blicke der enttäuschten Lehrer quasi auf mir spüren. Denn das ist es nämlich: Die Gesellschaft setzt Erwartungen in uns, die dann von uns Schülern quasi als unsere eigenen Erwartungen projiziert werden. Was sonst kann der Grund dafür sein, dass viele der aktuellen Abiturienten die Option einer Ausbildung oder Lehre von vornherein als minderwertig ansehen? Nein, wir wollen lieber gleich was Richtiges machen, nämlich etwas wie ein Studium!

Ich stelle mir manchmal den Alltag als eine Autobahn vor, jeder fährt sozusagen auf der ihm zugeteilten Spur, auf der er sich so frei bewegen kann, wie er möchte, doch wenn er die Spur wechseln will, werden plötzlich Schranken sichtbar, die ihn an dem neuen Weg hindern.

Vielleicht sind wir frei von zu vielen Verboten, jedoch ist es die Gesellschaft, die uns durch ihre vorgegeben, eingefahrenen Erwartungen und Stereotypen einengt.Anna Dißmann, 17 Jahre

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben