Erziehungssache : Noten für die Eltern

Wie wollen Jugendliche erzogen werden? Das hat sich Isabel Kloepfer, 14, gefragt – und darüber ein Buch geschrieben.

Caroline Stelzer
Schwer beschäftigt. Isabel Kloepfers Woche ist gut durchgeplant. Neben der Schule geht sie zum Flöten- und Klavierunterricht, spielt Tennis und Fußball. Von ihren Eltern unter Leistungsdruck gesetzt zu werden, findet sie gut.
Schwer beschäftigt. Isabel Kloepfers Woche ist gut durchgeplant. Neben der Schule geht sie zum Flöten- und Klavierunterricht,...Foto: Thilo Rückeis

Isabel Kloepfer ist 14 Jahre alt, geht in die 9. Klasse eines Charlottenburger Gymnasiums und liebt wie viele in ihrem Alter Schokolade, Eis und Kuchen. Im Gespräch kichert sie oft aus Nervosität. Wenn Isabel über Erziehung, Leistungsdruck und Eltern-Kind-Beziehungen redet, ist sie aber nicht nervös, sondern sehr selbstbewusst, schließlich ist sie Expertin auf diesem Gebiet. Isabel hat zusammen mit ihrer Mutter, der Journalistin Inge Kloepfer, das Buch „Glucken, Drachen, Rabenmütter – Wie junge Menschen erzogen werden wollen“ geschrieben. Die Idee dazu kam von Isabel.

„Es sind ja eigentlich wir Kinder, die erzogen werden sollen. Aber wir werden nie gefragt, was für eine Erziehung wir uns wünschen und was wir von unseren Eltern erwarten“, sagt sie mit einem Lächeln und saugt einen kleinen Schluck von ihrem Erdbeer-Shake durch den Strohhalm, bevor sie davon berichtet, wie sie zur Buchautorin wurde. „Als ich wieder einmal Erwachsene im Radio über den ganzen Leistungsdruck reden hörte, hat es mir gereicht. Ich wollte in die Debatte mit einbezogen werden.“

Also setzte sich Isabel hin und schrieb 30 Fragen auf, die sie selbst gerne von Erwachsenen gestellt bekommen hätte. Treiben dich deine Eltern an? Bekommst du Ärger bei schlechten Noten? Wie wirst du bestraft und wofür? Bist du zufrieden mit deiner Erziehung? Und: Was würdest du bei deinen Kindern später anders machen? Diesen Fragebogen schickte sie mit einem kurzen Erklärungstext an Freunde und bat diese um ihre Meinung. Anfangs wussten die Eltern nichts von der Umfrage, weder Isabells noch die ihrer Freunde. Als sie davon erfuhren und mitbekamen, dass die Umfrageteilnehmer die Erwachsenen benoten sollten, wurden einige Mütter und Väter nervös. „Sie dachten, sie kommen schlecht weg“, erzählt Isabel.

Von den Aktivitäten ihrer Tochter erfuhr Inge Kloepfer erst durch die besorgten Nachfragen der Eltern. Von der Idee und den ersten eingetroffenen Antworten war sie überrascht. Und begeistert. Deshalb ermunterte sie Isabel, den Fragebogen an weitere Jugendliche zu schicken. Für das Buch gaben insgesamt 120 Jungs und Mädchen aus ganz Deutschland Auskunft. Die Teilnehmer waren zwischen zwölf und 18 Jahren alt und fast ausnahmslos Gymnasiasten. Ihre Antworten wertete Isabel akribisch aus. Repräsentativ mag ihre Umfrage nicht sein, aber sie vermittelt einen Einblick in das Lebensgefühl ihrer Generation.

Tatsächlich überraschen die Ergebnisse, zu denen das Buch kommt. Denn insgesamt scheinen die Befragten mit ihrer Erziehung zufrieden zu sein. Den Eltern geben sie weitestgehend gute Zensuren, der „Notendurchschnitt“ beträgt 1,55. Im Detail gaben 77 Prozent der Jugendlichen an, zu Hause von ihren Eltern angetrieben zu werden. Druck üben vor allem die Mütter aus, nur elf Prozent sagten, der Vater fordere Leistungen ein. Von den Eltern getriezt zu werden, macht den meisten aber offenbar nichts aus, denn 90 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden und benoteten ihre Mütter und Väter mit „gut“ oder „sehr gut“. Von den Jugendlichen, die daheim nicht unter Druck gesetzt werden, würde ein Drittel die eigenen Kinder strenger erziehen, zum Beispiel bessere Leistungen einfordern oder klarere Regeln festlegen. Sie gaben ihren Eltern weniger gute Zensuren als die anderen Umfrageteilnehmer.

Leistungsdruck, Grenzen aufgezeigt bekommen, klare Regeln. Frühere Generationen haben dagegen aufbegehrt. Heute scheinen Jugendliche dafür dankbar zu sein, diesen Eindruck vermittelt zumindest „Glucken, Drachen, Rabenmütter“. Vielleicht weil in einer immer komplexer werdenden Welt deutliche Ansagen die einzige Orientierung bilden. Und die eigene Selbstoptimierung längst gesellschaftlich anerkanntes Ideal ist.

So gaben 76 Prozent der befragten Jugendlichen an, ein Instrument zu spielen und fast alle machen neben der Schule noch Sport. So wie Isabel Kloepfer. Bevor sie Anfang des Jahres für ein Austauschhalbjahr nach England ging, war ihre Woche ziemlich voll. Täglich standen Tennis- oder Fußball-Training an, hinzu kamen Flöten- und Klavierunterricht, dazu freitags die Physik-AG. Durchatmen am Wochenende? Fehlanzeige. Denn da standen Punktspiele auf dem Programm. Bei Isabels zwölfjährigen Zwillingsgeschwistern sieht das nicht anders aus.

Nicht ganz so vollgestopft sind die Tage von Sarah Scholz und Leo Hölmer. Beide sind 17, gehen in Treptow-Köpenick aufs Gymnasium und wenn man sich mit ihnen unterhält, entsprechen ihre Einstellungen in etwa den Antworten der befragten Jugendlichen aus dem Buch. Auch Sarah und Leo geben an, von ihren Eltern gefordert zu werden. Andererseits seien die auch zur Stelle, wenn sie bei den Hausaufgaben nicht weiterkommen oder Streit mit Freunden haben. Für ihre Erziehung würden sie ihren Eltern eine Eins minus geben, bei ihren eigenen Kindern würden sie später nur wenig anders machen. Was? Leo überlegt kurz und sagt dann: „Mehr Freiheiten beim abendlichen Ausgehen gewähren.“ Sarah würde die Aufgaben im Haushalt gerechter unter den Geschwistern aufteilen.

Auch Leo und Sarah spielen ein Instrument, üben aber im Gegensatz zu Isabel nicht täglich. Die beiden haben auf Geheiß ihrer Eltern mit dem Klavierspielen angefangen, sich später aber selbst zusätzliche Hobbys gesucht. Leo spielt Basketball und hat nebenher noch eine Band, mit der er gelegentlich probt. Dass sein Wochenplan nicht so voll ist wie der von Isabel, findet er gut. „Das ist ein extremes Programm. Wahrscheinlich wurde sie so erzogen, dass sie gar nicht merkt, wie krass das ist.“ Tatsächlich findet Isabel ihr Programm normal. Sie sagt, sie brauche die Aktivität nach der Schule. Leo sieht das etwas anders. Er meint: „Man kann sich an zwei Tagen pro Woche auspowern, es müssen nicht alle sieben sein.“

Peter Sellmer sieht das etwas differenzierter. Er leitet das Haus der Familie des Deutschen Roten Kreuzes in Steglitz und hat viel mit Jugendlichen und deren Eltern zu tun. Er sagt: „Es gibt sehr aktive Kinder, die viel Beschäftigung brauchen. Sobald die Hobbys aber eine andere Funktion haben, zum Beispiel nur die Wünsche der Eltern erfüllen, wird es problematisch.“ Vor diesem Hintergrund wirkt es befremdlich, wenn Inge Kloepfer in „Glucken, Drachen, Rabenmütter“ fordert: „Bringt eure Kinder an ihre Leistungsgrenzen und zeigt ihnen dann, wie man diese noch überwinden kann. Weil sie es gar nicht anders wollen. Je mehr sie von ihren Eltern gefordert werden, desto zufriedener sind sie.“ Peter Sellmer stimmt ihr in diesem Punkt nur bedingt zu. „Jugendliche sind unzufrieden, wenn sie nicht gefordert werden, weil das impliziert, dass man ihnen nichts zutraut. Aber es stellt sich natürlich immer die Frage, wie viel unreflektierter Ehrgeiz der Eltern dahintersteckt.“

Sarah Scholz findet den Ehrgeiz von Isabels Mutter befremdlich: „Das hört sich krank an. Das ist keine Kindheit, wenn die Mutter ihre Kinder zu Höchstleistungen anspornt, nur um dann zu zeigen, dass es noch besser geht.“ Natürlich sei es Aufgabe der Eltern, Begabungen und Interessen ihrer Kinder auszuloten und zu fördern. Aber an die Grenzen zu gehen dürfe keine Motivation sein.

Isabel Kloepfer betont im Gespräch: „Ich finde Leistungsdruck gut.“ Sie glaubt, es gäbe zwei Arten von Druck – negativen, wenn Eltern ihre Kinder bei mangelhaften Leistungen bestrafen, und positiven, wenn Eltern ihre Kinder bestärken und unterstützen. Bei ihr daheim sei Letzteres der Fall. Sie selbst benotet ihre Eltern mit einer Eins minus, manchmal aber auch nur Zwei bis fast Drei, „vor allem, wenn meine Eltern so ungeduldig sind und ihnen nichts gut genug ist“. Die Ergebnisse ihrer Umfrage legen nahe, dass Jugendliche den Antrieb der Eltern brauchen und dass Leistungsdruck sie nicht unzufrieden macht, sondern ihnen eine Chance gibt, sich zu beweisen. Isabel formuliert es so: „Fordert uns Kinder, damit wir zeigen können, was wir können.“

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